Wer die Bibel besser verstehen will, muss an ihren Ursprung zurückkehren. Mit diesem Buch nehme ich dich mit auf eine aussergewöhnliche Reise durch das Land der Bibel.

Auf den Spuren biblischer Erzählungen begleiten wir das Volk Israel über Jahrtausende hinweg, von den Erzvätern über die Zeit Jesu bis in die Gegenwart. Wir erleben Sieg und Niederlage großer Herrscher. Erkennen den Einfluss von Natur und Landschaft, Sprache und Kultur auf die biblische Geschichtsschreibung. Wir lernen wichtige jüdische Hintergründe kennen, in denen auch das Neue Testament eingebettet ist. Und  beobachten, wie Gott dieses kleine Land bis heute zum Schauplatz grossartiger Ereignisse der Weltgeschichte machte.

Auszüge aus "Lass das Land erzählen" findest du unten. 


Hier kannst du das Buch direkt bei mir bestellen, wie die Milch direkt beim Bauern. Auf Wunsch auch signiert / gewidmet.

So viele Bücher und Artikel wurden über unseren Konflikt geschrieben, Filme, Serien und Dokumentationen gedreht. Viele verteidigen jeweils eine Konfliktpartei und setzen die andere auf die Anklagebank. Es gibt viele Experten für das Scheitern – für Erfolge jedoch keine. Als Israeli kann ich mir mein Leben ohne ihn kaum vorstellen. Doch immer wieder zeigten mit neue Kontakte zu Palästinensern und Arabern, dass ich den Konflikt nicht wirklich verstand.
Nach vielen Jahren im hoffnungslosen Ermüdungszustand, begleitet von Mantras, an die wir nicht mehr glauben, habe ich mich auf die Suche nach den Wurzeln des Konfliktes gemacht. Ich begab mich auf eine Reise durch die Realität und die Geschichte des Konfliktes, denn ich vermutete, dass ich nur so in der Lage sein würde, Gründe für Hoffnung auf Frieden zu finden.

Und ich bin fündig geworden. Das Erlebte und Gelernte erzähle ich in diesem Buch.

Auszüge aus "Wie denn sonst, wenn nicht gemeinsam?" findest du unten. 

Das Buch wird im Frühling 2022 erscheinen.
Schon jetzt kannst du dir dein/e Buch/Bücher hier vorreservieren lassen. Sofort nach der Erscheinung werde ich es dir zusenden, auf Wunsch auch signiert / gewidmet. 

 Auszüge aus "Lass das Land erzählen" 

© 2021 SCM Hänssler in der SCM Verlagsgruppe GmbH

Soweit nicht anders angegeben, sind die Bibelverse folgender Ausgabe entnommen:
Elberfelder Bibel 2006, © 2006 by SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH
Weiter wurden verwendet:
NeÜ bibel.heute © 2001-2012 Karl-Heinz Vanheiden, www.kh-vanheiden.de.
Alle Rechte vorbehalten.

Inhalt 

VORWORT

LERNE DAS LAND KENNEN

Was ist überhaupt Israel
Durchgangsland
Natur und Mensch im Überblick
Viele Wege führen nach Jerusalem

EINE REISE DURCH DIE BIBEL

Auf den Spuren Abrahams, Isaaks und Jakobs
Wer waren die Kanaaniter?
Exkurs: Zwischen Sesshaftigkeit und Nomadentum
Auf den Spuren von Mose: Die Wüstenwanderung unter der Lupe
EXKURS: Die Bundesgebote und die Völker
Milch, Honig und Festungen – die Landnahme
Kein König in Israel: Richterzeit
Sauls Aufstieg
EXKURS: Philister
David war nicht der zweite König Israels
EXKURS: Das Davidische Reich
Aus einem Reich werden zwei
EXKURS: Prophetie
Das Leben geht doch weiter: Rückkehr nach Zion
Die Makkabäer – Unabhängigkeit und Streit
Jesus wurde in Herodes’ Königreich geboren
EXKURS: Jesus war im Rabbinertum verwurzelt
Jesu letzte Woche auf Erden
Bis zum Wochenfest

GEGENWART UND ZUKUNFT

Wir werden es noch sehen
Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist


VORWORT

Berühmt. Von keinem anderen Land kennen Menschen in aller Welt so viele Namen von Orten, Bergen, Bächen, Tälern und selbst Straßen wie von Israel. Spätestens im Alter von fünf Jahren wird so gut wie jedes Kind des Abendlandes die Ortsnamen Nazareth, Bethlehem und Jerusalem gehört haben. Mit 10 Jahren können die meisten mit dem See Genezareth etwas anfangen, mit 15 vielleicht auch mit dem Ölberg und dem Garten Gethsemane. Die Namen der Regionen Galiläa, Samarien und Judäa gehören zur Allgemeinbildung in den christlich geprägten Kulturen, wenn auch nicht jeder sie genau einordnen kann. Dabei gibt es nicht viele Länder dieser Größe, die überhaupt Beachtung finden. Warum ist das so? Die Erklärung ist einfach: Die Bibel hat das Land berühmt gemacht. Das Stückchen Land am südöstlichen Mittelmeer ist durch eine ganz besondere Verheißung zum Hauptschauplatz biblischer Geschichte geworden.
 
-- AUSGESCHNITTEN --

Israel ist ein schwammiger Begriff. Heutzutage meint man damit meistens den Staat, den es seit 1948 gibt. Israel ist aber auch ein Volk, eines der ältesten der Welt. Dieses Volk lebte bereits in einem eigenen Königreich auf dem Gebiet des heutigen Staates Israel. Wichtige Kapitel der Geschichte Israels und seines Landes sind in der Bibel verewigt, aber seine früheste schriftliche Erwähnung finden wir in einer außerbiblischen Quelle. Ein gewisser Pharao Merenptah präsentierte seinen Sieg über Israel im 13. Jh. v. Chr. Er war so stolz auf Israels Vernichtung, dass er sie auf einer Granittafel festhalten ließ.

Die heutige Fläche des Staates Israel ist so groß wie die Hälfte der Schweiz, das deutsche Bundesland Hessen oder Niederösterreich. Judäa, Samarien und die Golanhöhen sind in dieser Rechnung nicht enthalten und machen zusammen noch einmal 30 % der Gesamtfläche aus. Im Laufe der Jahrtausende blieben die Landesgrenzen recht konstant. Im Westen war und ist das Mittelmeer. Im Norden erreichten sie meistens Galiläas höhere Lagen unweit der heutigen libanesischen Grenze. Im Osten war es eine Frage der Stärke. War Israel stark, kontrollierte es auch Gebiete östlich des Jordan. War es schwächer, bildete meistens der Jordan die Grenze. Die Geschichte der Südgrenze hat viel mit den klimatischen Bedingungen dort zu tun. Das Dreieck zwischen dem Mittel-, dem Toten und dem Roten Meer war immer eine fast menschenleere Wüste. Die Herrscher interessierten sich wenig für diese karge Landschaft. An der Südspitze dieser Wüste liegt das Rote Meer, das für Handelszwecke interessant sein kann. In Zeiten der Stärke unterhielt Jerusalem dort einen Hafen. Dafür musste es das gesamte Gebiet bis zum Roten Meer kontrollieren. So war es unter König Salomo und ist seit 1949 wieder der Fall.

Die besondere Geschichte dieses kleinen Landes begann mit Abraham. Ausgerechnet an diesen Ort schickte ihn Gott. Abrahams Nachkommen sollten dieses Land bewohnen. Gott hatte mit ihnen zugunsten der gesamten Menschheit einiges vor. Er gab ihnen seinen Segen, seinen besonderen Schutz und zahlreiche Zeichen, aber auch Ge- und Verbote. Vor allem diese sorgten für die Andersartigkeit Israels im Vergleich zu vielen anderen Völkern der Antike. In dieser Kultur entwickelte sich eine eigenartige Denkweise, eine eigene geistliche Welt – die Welt, in der auch Jesus wirkte. Israel ist ein Land, ein Volk und ein Geist. Ein Geflecht. Manchmal ist unklar, wo die Grenzen zwischen Land, Volk und Geist verlaufen. Oft sind sie in ihrer Wechselbeziehung untrennbar.

-- AUSGESCHNITTEN --

Neben Wölfen, Schakalen, Wildschweinen und Rehen leben hier auch Leoparden, Steinböcke, Gazellen, Stachelschweine, Klippschliefer und Hyänen. Die meisten dieser Tierarten werden auch in der Bibel erwähnt. Durch den starken menschlichen Einfluss sind viele Tierarten ausgestorben, zum Beispiel das Nilpferd. Zur Zeit Davids konnte man noch an einigen Flussmündungen mit einer Nilpferdbegegnung rechnen. Im Talmud wird der Löwe als „König der Tiere“ (Bab. Talmud Hagiga 13,2) genannt.
Diese Rabbiner kannten den Löwen nicht nur als National-Geographic-Shootingstar. Der letzte Löwe lebte im 14. Jh. n. Chr. im Land. Als Jesus am Jordan unterwegs war, musste er nicht nur nach Pharisäern Ausschau halten, sondern auch nach 70 kg schweren Persischen Leoparden.
 
-- AUSGESCHNITTEN --

Nach der traditionellen jüdischen Chronologie (Seder Olam Rabba) wurde Abraham im Jahr 1948 nach der Weltschöpfung geboren, umgerechnet 1812 v. Chr. Sara ist 10 Jahre jünger.

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Die jüdische Zeitrechnung
Die allgemeine jüdische Zeitrechnung ist anders als die christliche. Sie basiert auf Zeitangaben in der Bibel und beginnt im zurückgerechneten Jahr der Weltschöpfung. Seder Olam Rabba, dt. „Große Weltchronik“, ist die wichtigste Grundlage für die Datierung biblischer Ereignisse im Judentum.
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Abraham und Sara lebten als Nomaden. Was hinterlässt schon jemand, der sein ganzes Leben im Zelt wohnt? Dennoch haben sie, wie die anderen biblischen Erzväter und -mütter auch, tiefe Spuren hinterlassen, die heute noch da sind. Sie sind nur nicht immer physisch vorhanden, sondern in unseren Herzen.
Für uns Juden sind sie nicht die „biblischen Erzväter“, sondern die eigenen Stammväter und -mütter. Juden nennen Abraham immer Avraham Avinu. Wie viele Kinder war auch ich in meinen ersten Lebensjahren sicher, Avinu sei Abrahams Nachname. Avinu heißt „unser Vater“. Sara bezeichnen wir auf gleiche Art als „unsere Mutter“. Die gleichen Bezeichnungen bekommen auch Isaak, Rebekka, Jakob, Lea und Rahel.
Beim Umzug nach Kanaan ist Abraham 75 Jahre alt, Sara ist 65. Sie sind kinderlos, aber nicht allein. Es begleiten sie Verwandte und Knechte, man könnte sagen, eine mobile Wohngemeinschaft. Ihren Besitz nehmen sie mit, hauptsächlich Haushaltstiere der Region: Schafe, Ziegen, Kamele und Rinder. Ihre Häuser nehmen sie auch mit. Keine große Sache, es sind Zelte.

Lass uns in Abrahams Schuhe schlüpfen und ihn ins Land begleiten. An vielen Stellen lassen sich die Verse wie ein Reiseführer lesen. Wir starten in Haran (Gen 12) und wollen nach Sichem im Herzen Kanaans, wohin Gott uns führt. Wir nehmen die Königsstraße über Damaskus nach Süden. 60 km südlich der heutigen syrisch-jordanischen Grenze kommt die Abzweigung zum Jordan. Im Jordantal ist es trocken, heiß und baumfrei. Die Sonnenuntergangsstraße wird uns 35 km durch die Schlucht Tirza führen, 1000 Höhenmeter bergauf haben wir vor uns.
Mit jedem Schritt wird die Landschaft mediterraner und grüner, die Luft kühler und klarer. Je höher wir kommen, desto mehr Dörfer gibt es, mit mehr Landwirtschaft. Links begleiten uns immer die Hänge des Berges Kabir. Der Bach fließt ganzjährig und schnell. Immer wieder kommen wir an Quellen vorbei, die den Bach speisen. An den Quellen haben Menschen Becken und Tränken gebaut. Auch in 3800 Jahren werden Hirten ihre Herden noch zu diesen Wasserstellen bringen. Das Tal ist fruchtbar. In Tieflagen werden Datteln angebaut, höher sind es Feigen, Oliven und vor allem Granatäpfel. In 1900 Jahren werden Rabbiner die Granatäpfel und Nüsse aus diesem Tal als Beispiel für besonders kostbare Waren nennen, die nicht nach Gewicht, sondern einzeln verkauft werden (Mischna ‘Orla 3,8). In den Dörfern werden neben Lebensmitteln Geschirr, Gefäße, Werkzeuge und Stoffe angeboten. Sobald wir oben sind, öffnet sich ein Tal, dahinter erheben sich zwei runde Berge, Ebal und Garizim. Unten, wo sie sich fast berühren, liegt Sichem, unser Ziel.
 
-- AUSGESCHNITTEN --

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König
Unser Königsbild stammt aus dem Mittelalter Europas – ein König, der über ein ganzes Königreich regiert, wie England, Schweden oder Dänemark. Wenn wir uns einen biblischen König vorstellen, haben wir meistens David und Salomo im Sinn. Zwischen Abraham und David liegen 730 Jahre. Sie lebten in sehr unterschiedlichen Gesellschaften. Falls du noch nie vom Königreich „Zebojim“, „Bela“ oder „Adama“ aus der Geschichte Abrahams gehört hast, kannst mit gutem Gewissen und ohne zu googeln weiterlesen. Es waren nur Städte. Etwas größere Königreiche und sogar Imperien gab es damals schon, aber ein König war im 18. Jh. v. Chr. nicht viel mehr als ein Bürgermeister eines ausgewachsenen Dorfes, eine Art Stammesführer. Klein, aber oho, denn damit wurde er den Göttern gleichgestellt. Er hatte eine eigene Streitmacht und konnte über Krieg und Frieden, Leben und Tod entscheiden und keiner hat ihn gebremst. Er hatte mehr Macht als ein Regierungschef in einer heutigen Demokratie.
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-- AUSGESCHNITTEN --

Lernte Isaak bei Gerar Krabbeln, dürfen wir uns eine im Winter satt grüne Landschaft mit vielen Blumen vorstellen. Im Frühjahr gibt es jede Menge Bienen und Schmetterlinge. Weitläufige Teppiche von roten Anemonen, rotem Hahnenfuß und Mohn ziehen sie an. Ab Ende April vertrocknet die Landschaft. Die dornigen und kratzigen Pflanzen sind dann braun und gelb. War die Familie näher an Beerscheba, so war die Vegetation eher niedrig und dünn. Ein krabbelndes Baby hat hier mehr Spaß am Staub als bei Gerar, seine Mutter weniger. Drinnen im Zelt hatten sie sicher Teppiche, wahrscheinlich aus Palmwurzel-Sisal oder aus Wolle, wie die Beduinen sie bis zum Import billiger und robuster Kunststoffteppiche hatten. Im Winter luden Schafsfelle zum Kuscheln ein.

-- AUSGESCHNITTEN --

So trifft der Knecht Rebekka am Brunnen. Sie bietet dem fremden Mann Wasser an. Das wäre für jede Frau angebracht gewesen. Aber sie bietet zusätzlich an, auch für seine Kamele Wasser zu schöpfen. Ein Kamel trinkt gut 100 l am Stück, große und durstige Kamele 150 l. Wenn jedes der zehn Kamele durchschnittlich 125 l trinkt, muss sie 1250 l schöpfen – gut 100 Eimer voll. Das Mädchen ist nicht nur vorbildlich erzogen, es ist auch kerngesund.

-- AUSGESCHNITTEN --

Rebekkas Reise führt sie bei Weitem nicht nur durch langweiliges menschenleeres Land. Auf dieser Strecke sieht sie die große weite Welt. Sie reist durch die Großstadt Aleppo, hört auf dem internationalen Markt von Hama verschiedene Sprachen, bewundert die Bewässerungssysteme von Damaskus und sieht vielleicht den schneebedeckten Berg Hermon im Hintergrund. In Sichem sieht sie eine auffällig hohe Tempelanlage. Als sie an Hebron vorbeikommen, erzählt ihr der Knecht bestimmt, wer neulich dort begraben wurde. Eine Schwiegermutter wird Rebekka nicht haben.

-- AUSGESCHNITTEN --

Diese Männer bestätigen, was Gott Mose über das Verheißene Land mehrfach ankündigte: Es ist ein Land, in dem Milch und Honig fließen. Wie sollen wir diese häufig zitierte Redewendung verstehen? Übersetzung und Landeskenntnis sind gefragt. Ganz ehrlich: Wer hat nicht das Bild von Bächen aus Milch und Honig im Kopf, die sich ihren Weg durchs Land bahnen? Das Wort „triefen“ würde wohl besser passen. Ein „von Milch und Honig triefendes Land“ ist ein reiches, gesättigtes Land. Wie meistens in der Antike ist „reich und gesättigt“ auf den landwirtschaftlichen Ertrag bezogen. Weshalb wurden ausgerechnet Milch und Honig betont? Die Bibel beschreibt sechs Pflanzenarten, mit denen das Land gesegnet war: Gerste, Wein, Feigen, Granatäpfel, Oliven und Datteln (Dtn 8,8). Auch diese Früchte hätte man repräsentativ nennen können, aber Milch und Honig sind Produkte, die uns viel mehr über das Land erzählen. Für die Milchviehwirtschaft braucht man Weideland. Weideland gibt es nur dort, wo die Vegetationsdecke dicht genug ist, eine Seltenheit im Nahen Osten. Wir sind durch die Kultur geprägt, in der wir leben, und denken deshalb meist automatisch an Kuhmilch, aber Kühe brauchen ein noch grüneres Land, als es in den meisten Regionen Israels gibt. Die Milch der Bibel ist Ziegen- und Schafmilch. Vor allem Ziegen kommen mit bescheidenen Weideverhältnissen klar. Der Talmud beschreibt eine bildliche Vorstellung mancher Rabbiner zum Ausdruck „Milch und Honig“: Sie stellen sich vor, wie Ziegen unter Feigenbäumen liegen, während Milch aus ihren Eutern tropft (Bab. Talmud Kethuboth 111,2). Sie gingen selbstverständlich von Ziegenmilch aus. Und der Honig? Aus der wörtlichen Übersetzung „ein Land, in dem Ölbäume und Honig wachsen“ (Dtn 8,7-8) wird klar: Wir müssen uns vom Bienenhonig verabschieden, Bienenhonig „wächst“ nicht. Der biblische Honig ist Dattelsirup, seltener auch Feigen- und Traubensirup. Er wird durch das Kochen und Entsaften der Frucht gewonnen. Auf Hebräisch heißen Dattelsirup und Bienenhonig gleich, Dvasch. Hier hilft uns das Arabische. Dibes, vom selben Wortstamm wie Dvasch, bezeichnet nur Früchtesirup.

-- AUSGESCHNITTEN --

Als die 12 Kundschafter zurückkamen, präsentierten sie zuerst die guten Neuigkeiten: Milch und Honig. Dann die schlechten: keine Chance, die Kanaaniter sind stark, ihre Städte groß und befestigt. Wie eindrucksvoll und massiv die Bauten waren, können wir heute noch erahnen, wenn wir uns ihre Überreste anschauen. Die Stadt Geser, heute zwischen Jerusalem und Tel Aviv gelegen, war in dieser Zeit von einer 1100 m langen und 4 m breiten Mauer vollständig umgeben. Allein ihre Überreste sind noch 4,5 m hoch. 24 Türme überragten sie. Beit Schemesch, 14 km von Geser entfernt, erreichte damals den Höhepunkt seiner Entwicklung. Die Oberschicht, durch eine Kupferindustrie reich geworden, hatte mehrere Prachtbauten errichtet. Bethel war ummauert, seine Prachtbauten waren mit einem verzweigten Abwassersystem vernetzt. Hazor war die größte Stadt im Land und könnte 20'000 Einwohner gehabt haben. Neben Festungsanlagen wurde hier ein Königspalast mit importiertem Zedernholz und wuchtigen Basaltplatten ausgegraben. Auch Sichem, im Herzen Samariens gelegen, war ummauert. Die Doppelmauer wurde gründlich geplant, die Außenmauer aus bis zu 3 m großen Felsbrocken sieht man heute noch.

-- AUSGESCHNITTEN --

Es ist der 14. Nissan. Zum ersten Mal seit der Toragabe am Berg Sinai können die Israeliten wieder Pessach feiern. Sie waren 40 Jahre in der Wüste unterwegs und haben nur einmal Pessach gefeiert? Wie kann das sein? Zeit hätten sie dafür wohl genug gehabt … Doch während des Wüstenzuges ließen sie die Beschneidung aus – wegen hygienischer Mängel, erklären Rabbiner meistens. Als Unbeschnittene mussten sie Pessach nicht feiern. Weil sie im Wüstenzug kaum Opfertiere hatten, war ihnen das auch ganz recht, vermuten einige Rabbiner.
Versuchen wir, uns in das Volk Israel an diesem Pessach hineinzuversetzen. Was muss das für ein Gefühl sein, zu der Generation zu gehören, die die Erfüllung der Verheißung erlebt? Noch vor wenigen Wochen waren sie zwischen dem Roten und Toten Meer im trockenen Gebirge. Überwältigend, was alles in dieser kurzen Zeit passiert ist. Eine Reihe militärischer Siege, genug Lebensraum für zweieinhalb Stämme, das Wunder der Jordanüberquerung und jetzt sitzen sie in dem Land, dass ihnen versprochen wurde. Kein Wunder, dass sie ihrer Beschneidung oberste Priorität einräumen. Sie möchten den Bund mit Gott bestätigen. Sie sehen, dass er funktioniert.

-- AUSGESCHNITTEN --

Durch diese Studie wissen wir viel mehr über die Landnahme und -besiedlung. Pass auf: Am Vorabend der Landnahme gab es 19 kanaanäische Siedlungen im erfassten Areal, sieben davon im Jordantal, 12 in Samarien. Das Bergland war fast menschenleer. Jetzt wissen wir, warum sich die Israeliten hauptsächlich dort niederließen. Zwischen 1200-1000 v. Chr. wurden im erfassten Areal 450 israelitische Siedlungen gegründet, 300 von ihnen innerhalb der ersten 50 Jahre. Falls du den letzten Satz schnell gelesen hast, lies ihn bitte nochmals und denke nach, was er bedeutet. Die Anzahl der Siedlungen stieg innerhalb von zwei Generationen um 1800 %. Eine Doktorarbeit errechnete das Bevölkerungswachstum in diesen 50 Jahren auf etwas mehr als 1000 %. Durch Geburten kann das nicht passieren. Nur eine massive Zuwanderung kann das erklären. Diese Zuwanderer waren Nomaden, zeigen die Funde. In 200 israelitischen Stätten im Jordantal wurden fast alle Viehgehege aus Steinen gebaut. Die Menschen wohnten nebenan in Zelten.

-- AUSGESCHNITTEN --

Hier taucht die Richterin Debora auf, „die Frau des Lappidot“ (Ri 4,4). Lappidot wurde in den Übersetzungen als Männername angenommen und nicht übersetzt. Rabbiner sind sich da nicht ganz so sicher. Das Wort bedeutet „Fackeln“. „Frau der Fackeln“ wäre für eine starke Frau mit Führungsqualitäten gar nicht so unpassend. Sie hatte ihren Sitz laut den Übersetzungen unter einer Palme. Die Entscheidung der Übersetzer für eine Palme ist eine nette Vorstellung. Im hebräischen Text steht Tomer. Tamar wäre eine Palme.

-- AUSGESCHNITTEN --

Jetzt, da wir das Rama und Bethel aus Deboras Geschichte kennen, bleibt nur die Frage, was mit der „Palme“ gemeint sein soll, die zwischen ihnen lag. Genau in der Mitte zwischen Bethilu und der Ruine a-Schuna befindet sich ein speziell aussehender Hügel. Wegen der Wasserversickerung im karstigen Boden sind die unteren Teile des Hügels kahl. Oben ist er hingegen dicht bewaldet. Aus der Ferne erinnert er wirklich an die Form einer Palme. Tomer ist tatsächlich von „Palme“ abgeleitet, aber es ist nicht so, dass Debora wörtlich unter einer Palme saß, sondern am Fuß dieses auffälligen Hügels.

-- AUSGESCHNITTEN --

Wer am runden Hügel unter den Hängen des Gilead-Gebirges steht und die Aussicht auf das ganze Jordantal genießt, kann sich das biblische Drama kaum vorstellen, das hier abspielte. Nicht weniger als 400 Frauen haben sich die Benjaminiter hier geholt. Man brachte sie 60 km weg von ihrer Heimat und 950 m höher nach Schilo, sicher ohne groß nach ihrem Willen zu fragen. Wir wissen sogar, dass es am 15. Av (Juli/August) geschah. Woher? Zu dieser Zeit fand ein alljährliches Fest in Schilo statt (Ri 21,19). Bis heute ist der 15. Av das jüdische Liebesfest und ein besonders beliebtes Datum für Dates, ähnlich wie der Valentinstag in der christlichen Welt. Das Fest war ursprünglich mit der Weinlese verbunden. Die Mischna berichtet darüber: „Es gab keine besseren Tage für Israel als den 15. Av und Jom Kippur, an denen die Söhne Jerusalems in ausgeliehenen weißen Kleidern hinausgingen, um diejenigen, die keine haben, nicht zu beschämen […] und die Töchter Jerusalems gingen in die Weinberge und tanzten. Und was pflegten sie zu sagen? – Hebe deine Augen, junger Mann, und siehe, was du dir aussuchst; Richte deine Augen nicht auf die Schönheit – richte deine Augen auf die Familie“ (Mischna Ta‘anit 4,8). In den einheitlichen weißen Kleidern tritt der gesellschaftliche und wirtschaftliche Hintergrund eines Menschen in den Hintergrund. An diesem Tag entführten junge Männer ihre auserwählten Frauen in Schilos Weinbergen und heirateten sie. Aus unserer Perspektive ist das schräg, aber wir sollten die Situation aus dem damaligen Blickwinkel betrachten. Sich von einem jungen Mann entführen zu lassen, ist sicher mit viel Gelächter und verführerischem Blickkontakt verbunden und ist damit romantischer als so manche arrangierte Hochzeit. Das Liebesfest war der einzige Tag im Jahr, an dem sich junge Leute ihre Lebenspartner und -partnerinnen frei aussuchen konnten.

-- AUSGESCHNITTEN --

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Eichgrund
So übersetzte Luther das „Ela-Tal“, wo David Goliat bekämpfte. Andere Übersetzungen schreiben „Terebinthental“, wobei Terebinthen in Israel nicht vorkommen. Heute nennen wir einige Pistazienarten Ela, aber sie sind im Land so verbreitet, dass das Tal wohl kaum nach ihnen benannt wurde. Vermutlich war Ela damals eine andere Baumart, nur welche – das kann uns das Gelände am besten beantworten. In diesem Tal wächst eine für Israel besondere Pflanze, der Anabaum. Er sieht wie eine Akazie aus, kommt aus der ostafrikanischen Savanne und kann sich in Israel nur durch Wurzeln verbreiten. Deswegen gibt es ihn in Israel nur an sehr wenigen Stellen. So wäre die richtige Übersetzung hier „Anabaumtal“
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-- AUSGESCHNITTEN --

Omri (882-871 v. Chr.) ist es, Gründer einer der wichtigsten Dynastien im Königreich Israel, der die neue Hauptstadt bauen lässt. Er ist auch der König, der die Beziehung zum Bruderreich Juda stabilisiert.
Sein Sohn Ahab regiert 20 Jahre lang und festigt die Macht der Familie. Die Hauptstadt Samaria baut er stark aus. Diese Pracht ist bis heute sichtbar, z. B. im sogenannten Elfenbeinhaus.

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Elfenbeinhaus
Im Herzen der Stadt Samaria wurde das Elfenbeinhaus ausgegraben. Dieses Gebäude ist uns aus der Bibel bekannt (1 Kön 22,39). Jetzt wissen wir, warum es so hieß: Hier wurden Elfenbeinschnitzereien gefunden. Der Prophet Amos sprach über solche Gebäude (Am 3,15; 6,1-4). Die Chance, dass er dieses bestimmte Gebäude kannte, ist hoch. Solche Bauten besaßen nur manche der Allerobersten. Das Elfenbeinhaus in Samaria war mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Ahabs Königspalast. Unter dem Gebäude gibt es zwei Räume, wie bei Gräbern assyrischer Könige. Wahrscheinlich wurde Omri im einen und Ahab im anderen begraben. Die Sitte, den König unter dem Palast zu bestatten, stammte aus dem Ausland. Der Prophet Jesaja sprach es an (Jes 14,18).
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-- AUSGESCHNITTEN --

Falsche Propheten gibt es allerdings auch. Ein falscher Prophet ist jemand, der Gutes weissagt, das sich nicht erfüllt. Wenn er Schlechtes weissagt, das sich nicht erfüllt, bleibt er ein wahrer Prophet. Wieso? Weil das Volk vielleicht auf ihn gehört und Gott gnädig die Strafe aufgehoben hat. Darf ein Prophet alles sagen? Nein. Wenn er die Auflösung eines einzigen Gebotes für die Ewigkeit prophezeit, ist er ein falscher Prophet. Eine zeitbegrenzte Auflösung ist jedoch in Ordnung, darauf muss man sogar hören. Wenn ein Prophet aber Götzendienst prophezeit, ist er ein falscher Prophet, auch wenn der Götzendienst zeitbegrenzt sein sollte. Sobald die Echtheit eines Propheten bewiesen ist, darf man seine Prophetien nicht anzweifeln und auch keine Wunder von ihm verlangen (Mischne Tora, Jessodei HaTora 10,1). Eine Gemeinsamkeit haben alle Propheten: Wer prophezeite, prophezeite nur im Land Israel oder dafür (Rabbi Jehuda HaLevi).

-- AUSGESCHNITTEN --

Wahrscheinlich ist es Serubbabel, der den Kyros-Erlass an die Juden in die Hand bekommt. Er wird zum Stadthalter von Jehud. Serubbabel ist Jojachins Enkel oder Urenkel. Genau, des Königs, der aus Jerusalem ins babylonische Exil geführt wurde. Das Haus Davids spielt noch immer eine aktive Rolle. 500 Jahre später wird in Serubbabels Familie Jesus geboren.

-- AUSGESCHNITTEN --

Unter Esra wird ein weiteres, wichtiges Organ gegründet: die Knesset HaGdola, dt. „Große Versammlung“. Richtig erkannt, Israels Parlament ist in Anlehnung an diese Versammlung benannt. Auch die Abgeordnetenzahl ist der historischen Versammlung entnommen, 120. Die Knesset HaGdola befasste sich mit rechtlichen Angelegenheiten, nationalen Grundproblemen und akuten Fragen. Getagt hat sie im Tempelvorhof. Im Laufe der Jahre reduzierte sich die Mitgliederzahl durch Todesfälle ohne Nachfolger auf 71. Später bekam die Versammlung ihren vom Griechischen abgeleiteten Namen Sanhedrin. Ins Deutsche wurde sie als „Hoher Rat“ übersetzt. Nach rabbinischer Überlieferung legte die Große Versammlung den Kanon der hebräischen Bibel abschließend fest.

-- AUSGESCHNITTEN --

Die meisten Juden identifizierten sich mit einer dieser Strömungen, ohne feste Mitglieder zu werden. Sadduzäer gab es gegen Ende des Hasmonäerreiches vermutlich ein paar Hundert, Pharisäer und Essener jeweils ein paar Tausend. Im Volk waren Sadduzäer meist verhasst, Essener eher bewundert und Pharisäer weitgehend beliebt. Die ersten Hasmonäer bevorzugten zunächst die Pharisäer, später aber die Sadduzäer. Als Jannäus die Knesset HaGdola entmachtete, entfachte er einen heftigen Konflikt mit den Pharisäern. Essener wurden von den Hasmonäern besonders gehasst.
Die gesellschaftlichen Risse wurden immer größer, nahezu unüberwindbar, und schwächten das Volk immens. Diese Schwäche führte zu Krieg und Fremdherrschaft, die das Volk im 1. Jh. n. Chr. sein Land, seine Freiheit, seine Hauptstadt und seinen Tempel kosteten. Wenn man heute einen Juden fragt, wieso der Zweite Tempel zerstört wurde, gibt er mit Sicherheit die klassische Antwort: „Wegen grundlosem Hass“.

-- AUSGESCHNITTEN --

Ich erinnere mich an die Reaktion einiger religiöser Studierender aus unserer Reiseleiterausbildung, als wir Jesu Stammbaum lasen. Josef stammt aus dem Haus Davids, stand da. „Wer ist Jesu Vater?“, hat jemand in den Raum geworfen. „Josef wohl nicht“, antwortete eine andere. „Dann können wir das Buch zumachen“, schlossen sie ab. Wenn Jesus kein Sohn Josefs ist, stammt Jesus nicht aus dem Haus Davids und ist somit irrelevant für die Messiasfrage, so die Logik. Was wir damals nicht bedacht haben, ist allerdings, dass sich ein Ehemann einer Frau ohne Vater und Brüder damals in den Stammbaum der Frau einschreiben lassen musste. Dadurch wurde der Mann auch rechtlicher Sohn seines verstorbenen Schwiegervaters. D. h., Josefs Stammbaum ist eigentlich Marias. Damit wäre Jesu Abstammung aus dem Haus Davids geklärt.

-- AUSGESCHNITTEN --

Bei Rabbinern der Antike sprechen wir immer von Chasal, eine Zusammensetzung der Anfangsbuchstaben der Worte Chachamejnu Sichronam Livracha, dt. „Unsere Weisen, möge ihre Erinnerung gesegnet sein“. Das Chasalzeitalter beginnt im 3. Jh. v. Chr., endet im 6. Jh. n. Chr. und wird in Epochen unterteilt. Die Epochen werden nach der Bezeichnung der jeweiligen religiösen Autoritäten Israels benannt. Die ersten 200 Jahre waren die Epoche der Sugot, dt. „Paare“, weil damals immer zwei Weise an der geistlichen Spitze saßen. Einer war der Nassi, d. h. Präsident des Hohen Rates, der andere der Av Beit HaDin, Gerichtsvorsitzender im Hohen Rat. Fünf Paare gab es. Nicht immer haben sie sich vertragen. Das bekannteste Paar ist das letzte, Hillel und Schammai, deren Diskussionen und Aussagen auch bei Jesus eine Rolle spielen.

-- AUSGESCHNITTEN --

Jesus sagt unmissverständlich, dass er mit der Theorie der Pharisäer einverstanden ist, nicht aber mit deren ausbleibender Umsetzung: „Alles nun, was sie euch sagen, tut und haltet; aber handelt nicht nach ihren Werken! Denn sie sagen es und tun es nicht“ (Mt 23,3). Hier berührt er eine der wichtigsten rabbinischen Kontroversen der damaligen Zeit: Was hat Vorrang – Talmud o Ma’asse, dt. „das Lernen oder die Tat“? Unter „Tat“ versteht man das Halten der Gebote im sozialen Bereich wie „Wohltätigkeit“ und „Gnadentaten“. Eigentlich alles, was zur Nächstenliebe gehört. Wie Jesus betonten die Weisen, die Belohnung für die Taten sei für die kommende Welt vorgesehen. Für sie waren sowohl das Lernen als auch die Tat wichtig, sie waren sich nur nicht einig, was wichtiger sei. Eine Diskussion aus dem 1. Jh. n. Chr. macht es deutlich: „Was ist größer? Lernen oder Tat? Rabbi Tarfon sagte: Die Tat ist größer. Rabbi Akiva sagt: Größer ist das Lernen. Alle antworteten und sagten: Größer ist das Lernen – denn das Lernen bringt Taten hervor“ (Sifrei Dvarim 41). Manche Rabbiner waren anderer Meinung: „Wer lernt, um zu lehren, wird lernen und lehren. Wer lernt, um zu tun, wird lernen, lehren, halten und tun“ (Mischna Avot 4,5). Theorie bleibt ohne Tat nur Theorie. Jesus ist ein Verfechter der Tat.
 
-- AUSGESCHNITTEN --

Diese Einstellung Jesu und die Art seines Wirkens helfen uns, seine Verortung in einer Untergruppe innerhalb der pharisäischen Welt der Weisen zu erkennen, den Chassidim. Achtung, die Bedeutung dieses Begriffs hat sich im Laufe der Jahrtausende gewandelt. Die chassidischen Juden von heute sind etwas anderes. Das Wort Chassid kommt mehrfach in der Bibel vor. Ins Deutsche wurde es mit „fromm“ übersetzt. Der Wortstamm bedeutet „Gnade“. Ein Chassid ist jemand, der im Gnadenbund Gottes lebt. Die Ersten, die sich so nannten, waren makkabäische Rebellen. Im Tannaitenzeitalter wurden manche Weisen Chassidim und „Menschen der Taten“ genannt. Sie bildeten eine nicht besonders große Gruppe am Rande der Weisenwelt, die durch ausgeprägtes Engagement in der Gesellschaft auffiel. Ihre Autorität bekamen sie nicht von der Institution, sondern durch ihre Beliebtheit und ihr Charisma. Sie waren Verfechter der Taten und betonten die Notwendigkeit der Sozialgebote, darunter das Erlassjahr, die Nächstenhilfe, Krankenheilung, Krankenbesuch und Trost von Todestrauernden. Zudem wurde den Chassidim oft eine übernatürliche Kraft zugesprochen, mit der sie Wunder taten. All das trifft besonders auf Jesus zu.
 
-- AUSGESCHNITTEN --

Ein Höhepunkt der Diskussion über Nächstenliebe ist das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Jedes Mal, wenn die Reiseroute über die Jerichoer Straße führt, fährt man an dem Ausfahrtsschild „Barmherziger Samariter“ vorbei. Der kirchlichen Tradition nach stand hier die Herberge aus dem Gleichnis. Erstaunlich, wie ein Gleichnis archäologische Spuren hinterlassen kann. Hunderte Male durfte ich Auslegungen von Pfarrern und Pastoren dazu hören. Alle sprachen über Nächstenliebe und die einstige Spannung zwischen Juden und Samaritern. Die Auslegungen waren gut, aber fast alle verfehlten einen essenziellen Punkt, weil sie den halachischen Hintergrund nicht sahen. Wer dem überfallenen Juden nicht half, waren ein Priester und ein Levit. Sie unterlagen besonderen Reinheitsvorschriften, besonders wenn sie in Kontakt mit Toten kamen. Sie hatten Angst, dass ihnen der Verletzte unter der Hand starb, und standen vor einem Dilemma: Was ist wichtiger, Ritual- oder Sozialgebote? Damals eine jüdische Kontroverse, zu der die Pharisäer Jesu Meinung hören wollten. Jesus beantwortete die Frage mit der Gleichstellung beider Gebotsgruppen und fasste zusammen: „An diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten“ (Mt 22,40). Auch hier spielte er auf Hillels berühmte Aussage an. Die Geschichte ist ein Klassiker, den man kennen sollte. Sie heißt „Die Tora auf einem Bein“: „Es kam ein Konvertierungswilliger zu Schammai und wollte von ihm hören, worum es in der gesamten Tora gehe, aber bitte kurz, solange er auf einem Bein stehen könne. Der strenge Schammai reagierte verärgert. Die Tora sei wie ein Gebäude und es gebe kein einzelnes Gebot, auf dem sie stehen könne, wie auch kein Gebäude auf nur einer Stütze stehen könne. Dann ging der Heide zum offeneren Hillel, der ihm antwortete: Was dir verhasst ist, das tu deinem Nächsten nicht – [das ist die gesamte Tora] und der Rest ist Auslegung – gehe und studiere“ (Bab. Talmud Shabbath 31,1). Jesu Anspielung: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch. Das ist das Gesetz und die Propheten“ (Mt 7,12).

-- AUSGESCHNITTEN --

Marta serviert nun das Abendessen, das wir „Vierte Mahlzeit“ nennen. Drei Mahlzeiten muss es jeden Sabbat geben, schreibt die Halacha vor. Einmal am Freitagabend zum Sabbatbeginn, einmal nach dem Gottesdienst am späten Vormittag und einmal noch vor dem Sonnenuntergang. Die vierte Mahlzeit ist schon nach Sabbatende. Bis Mitternacht ist es erlaubt, mit dieser Mahlzeit den „Sabbat in seinen Ausgang zu begleiten“, lautet der Brauch. Danach ist der Sabbat eindeutig vorbei. Der Sonntag beginnt auch mit der Dunkelheit, weil die jüdischen Tageseinheiten von Abend zu Abend andauern, so wie es in der Schöpfungsgeschichte steht: „Und es wurde Abend, und es wurde Morgen, ein Tag“ (Gen 1,5). Weil schon der erste Werktag begonnen hat, sind weltliche Themen wieder erlaubt. Jesu Jünger Judas hat darauf gewartet und spricht über Finanzen. Über Geld spricht man am Sabbat nämlich nicht. In wenigen Tagen wird dieser Judas Jesus für Geld verraten.

-- AUSGESCHNITTEN --

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Die Königliche Stoa

Das dreistöckige Gebäude von 185 x 38 m bot an heißen Tagen Schatten und bei Regen Schutz. 162 Säulen im Durchmesser von 1,45 m trugen die gewaltige Konstruktion. Hier saßen Weise und lehrten die Tora. Der 12-jährige Jesus saß einst sehr wahrscheinlich hier und diskutierte mit ihnen. Das ganze Areal war ein Anbau und galt daher nicht als heilig. Deswegen durften hier Geldwechsler und Verkäufer von Opfertieren tätig sein und Nichtjuden das Areal besuchen. Auf einem Teil dieser Fläche steht heute die Al-Aksa-Moschee, die nur für Muslime zugänglich ist. Unterhalb des Areals wurde ein Holzschild ausgegraben, auf dem Korban steht, dt. „Opfer“. Nebenan lag eine Steinkonsole mit einer Tischplatte und mehreren Münzen. Die freigelegten Räume müssen ein Laden für Opfertiere und eine Wechselstube gewesen sein.
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-- AUSGESCHNITTEN --

Die kommenden Tage verbringt Jesus wohl meistens auf dem Tempelplatz und lehrt. Vor allem in Gleichnissen offenbart er seine Lehre. Die Nächte verbringt er am Ölberg, vielleicht bei Freunden in Bethanien oder unter den vielen Pilgern zwischen den Olivenbäumen. Die Stadt hat gewöhnlich schon 30 000 bis 50 000 Einwohner und über die Pilgerfeste kommen noch ein bis zwei Millionen Pilger dazu. Selbst wenn man das Geld für eine Unterkunft hat, reichen die Kapazitäten nicht aus. Überall stehen Zelte. Umgeben von den zeltenden Menschen kann Jesus kaum etwas passieren.

-- AUSGESCHNITTEN --

Heute führt der Hauptzugangsweg nach Israel durch den Luftraum. Den ersten Blick auf das Land wirft man fast immer aus der Vogelperspektive. Erst in den letzten 10 Minuten des Landeanflugs ist überhaupt Land zu sehen und gleich ist man mittendrin im pulsierenden Zentrum des Landes. Die gesamte Küstenebene wirkt urban, hochmodern. Hochhäuser, Autobahnen, Züge. Dieser Anblick wirkt nicht gerade „biblisch“. Wie verträgt sich die Modernität mit dem ehrwürdigen Erbe aus biblischen Zeiten? Dieser Kontrast könnte beim ein oder anderen Besucher, besonders beim ersten Besuch, eine gewisse Spannung auslösen. „Geistlich“ und „modern“ harmonieren in unseren Köpfen selten.
 
-- AUSGESCHNITTEN --

Noch zwei Generationen vor mir war es verpönt, dem „israelischen Projekt“ den Rücken zu kehren. Ins Ausland zu gehen war eine Art nationaler Verrat. Meine Generation sieht es nicht mehr so. Israel ist inzwischen so selbstverständlich geworden, dass du dazugehörst und trotzdem die freie Wahl hast, wann und wo du leben willst. Das „Projekt“ ist „fertiggestellt“ und wir sind ein Land wie jedes andere.
Fast.

Möchtest du sehen, wie das Buch von innen aussieht? Hier geht es zur Leseprobe.


-- ALLES ANDERE IM BUCH --

Das sagen andere

Als ich vor Jahren aus Jux einmal die Brille eines Kollegen anzog, nahm ich überrascht wahr, dass ich all die Jahre nie ganz scharf gesehen hatte. Genauso fühlte es sich an, als ich mit Assaf Israel bereiste. Die ungewohnten Perspektiven haben mir einen neuen Zugang zur Bibel lieb gemacht und mich über Gott staunen lassen. Dank diesem Buch ist eine solche Reise auch für dich selbst vom Sofa aus möglich – eine einzigartige und umwälzende Erfahrung! Danke, mein Freund.
Andreas Boppart, Missionsleiter Campus für Christus Schweiz, Deutschland und Österreich und Buchautor

Der Autor stellt eine einzigartige Verbindung zwischen dem Land Israel, dem biblischen Volk und der jüdischen Tradition her. Diese Mehrdimensionalität macht das Buch besonders. Die biblischen Geschichten werden lebendig und wecken die Sehnsucht, Israel als Land zu bereisen, das jüdische Volk besser kennen zu lernen und die Bibel durch die «jüdische Brille» zu lesen.
Anatoli Uschomirski, Buchautor und theologischer Referent beim Evangeliumsdienst für Israel

Seit unserer ersten gemeinsamen Israel-Studienreise bin ich mit Assaf Zeevi im stetigen, lehrreichen Austausch. Ich freue mich sehr, dass sich durch dieses Buch viele andere auf die spannende Reise begeben können.
Prof. Dr. Jacob Thiessen, Neutestamentler und Rektor der STH Basel

Wau!!! Was für ein Buch! Mir bleibt nur ein Staunen! Was für ein Wissen, was für eine Arbeit, die dahinter steckt. Da man in der Bibel liest, sollte man parallel deine diesbezüglichen Auslegungen mitnehmen. Ich würde das Werk jedem empfehlen!
Johannes Wirth, Leiter GvC Bewegung, Gründer der Quellenhofstiftung

Kaum je habe ich ein Sachbuch so verschlungen wie dieses. Grossartig, spannend und dazu eine Augenweide!
M. Coretti, Ipsach

Mit grosser Faszination und Freude bin ich dank dieses Buches mit Abraham, dem Volk Israel und zahlreichen biblischen Personen unterwegs. Ich werde ins Land, in die Geschichte hineingenommen und gehe die Wege innerlich mit. Bilder aus manchen Israel-Reisen werden geweckt, sodass ich mich im Geiste dort befinde. Die Verknüpfung von biblischen, archäologischen, etymologischen, historischen, zeitgeschichtlichen und religiösen Elementen ist einzigartig und eröffnet mir weitere Erkenntnisse. Für Menschen, die noch nicht in Israel waren, wird das Buch mehr als nur ein «appetizer» sein. Und immer wieder musste ich bei diesem einzigartigen Schreibstil schmunzeln oder gar laut lachen. Kurz: Total gelungen!
Diakon Daniel Aebersold, Bischofszell

 
Das Buch hat mich echt berührt. Ich empfinde es als einen grossen Gewinn und Segen für mein Leben!
Werner Rueegg, Seuzach

Auf Livenet     Auf Israelnetz     In Buchkultur     Im Israelreisemagazin     Auf Jesus.de 

Auszüge aus

"Wie denn sonst, wenn nicht gemeinsam?"

 

©Assaf Zeevi
Alle Rechte vorbehalten

Inhalt


Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
Kindheit und Jugend im Schatten des Konfliktes . . . . . . . . . . . . . . . 9
Eine Reise durch die Geschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .27
Am Anfang (bis 1948) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  . . . . . . . 29
Im geteilten Land (1948–1967) . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  . . . . . . . . . . 52
Zwanzig entscheidende Jahre (1967–1987) . . . . . . .  . . . . . . . . . . .62
Experimentieren und scheitern (seit 1987) . . . . .  . . . .  . . . . . . . . . . 76
Eine Reise durch die Realität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  . . . . . . . .  . . . 97
Verstehen will ich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . . .  . . . . . . . . . . . . . . 99
Siedler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  . . . . . . . . . . . . . . . 101
Palästinenser . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135
Ostjerusalemer . . . . . . . . . . . . . . . . .  . .  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 202
Israelische Araber . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  . . . . . . . . . . . . . . . . . . 212
Israelische Juden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 234
Eine Reise hin zum Frieden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  . . . . . . . . . . 257
Worum geht es eigentlich? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259
Wieso ist alles gescheitert? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  . . . . . . . . . . 264

Wie denn sonst? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269
Epilog . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  . . . . . . . . . . . 277
Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  279


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Ich möchte dich erst in meine eigene Kindheit und Jugend mitnehmen. Nicht um meine Person in den Mittelpunkt zu stellen. Auch nicht, weil meine Biografie besonders interessant ist. Diese könnten in ähnlicher Form Millionen Israelis haben. Genau aus diesem Grund möchte ich diese Einblicke bieten. Und noch ein Grund: Durch diese Einblicke wird verständlich, weshalb ich mich für die Suche verpflichtet fühle.

Chlorempfindlichkeit und die PLO

Ich bin 1982 in Israel geboren. Das erste Mal, dass ich etwas über Araber gehört habe, war im Alter von drei. Draußen fuhr ein alter offener Transporter sehr langsam. Aus einem Lautsprechen hörte man: „Altisachen, Altisachen“. „Mama, was heißt „Altisachen?“ fragte ich meine Mutter aufgeregt. „Schrott,“ erklärte sie, „es ist ein Schrottsammler.“ „Wieso hat er ein blaues Nummernschild?“ Alle Nummernschilder waren sonst gelb. „Weil er aus den Schtachim (dt. „Gebiete“) kommt.“ Sicher wusste meine Mutter, dass die nächste Frage sofort kommt. „Was sind die Schtachim?“ „Das sind Gebiete, wo viele Araber wohnen,“ war die Antwort. Schon wieder so ein Wort, dass ich nie gehört habe. „Was sind Araber?“ „Menschen. Sie sprechen Arabisch,“ erklärte sie. Lange war ich mir sicher, „Altisachen“ wäre ein arabisches Wort, bis ich verstand, dass es jiddisch war, „alte Sachen“ bedeutet und mit schwerem arabischem Akzent vom Tonband des Schrottsammlers kam.

Vom Konflikt habe ich mit fünf Jahren zum ersten Mal etwas wahrgenommen. Ich war bei einem Freund zu Besuch, unsere Mütter haben sich verabredet. Wir Jungen durften oben alleine in die Badewanne gehen und haben das Rutschen geübt. Dabei haben wir gemessen, wer weiter Wasser spritzt. Das Reihenhaus in der Stadt Netanya war damals sehr modern. Vom offenen Flur oben konnte man ins Wohnzimmer sehen und hören. Auch den Fernseher, in dem gerade die Sendung Erev Chadasch lief, dt. „Neuer Abend“, ein Nachrichtenjournal um 17:00 Uhr. Meine Mutter schaute selten Nachrichten. Sicher war die Freundin Grund dafür, dass der Fernseher angeschaltet war. Zwischen den Spritzwellen aus der Badewanne konnten wir Stimmen aus dem Fernseher hören, die darüber sprachen, Gespräche mit Aschaf seien verboten. Sie diskutierten darüber, was die Strafe für jemanden sein sollte, der trotzdem mit Aschaf sprach. Ich hatte keine Ahnung wer Aschaf war, aber die Ähnlichkeit mit meinem Namen ist mir aufgefallen. Sie gefiel mir. Nach jedem Rutschen schrie ich laut: „Und jetzt ist Aschaf dran!“ Irgendwann kamen unsere Mütter und zeigten ihre Empörung über die Spritzerei. Das ganze Bad stand unter Wasser, unsere Hintern waren rot. Auf die Frage, was wir da wohl machen, sagte ich, ich wäre es nicht, es wäre Aschaf gewesen. „Wer?“ fragte die Freundin meiner Mutter. „Aschaf“, gab ich meine klare Antwort. Unsere Mütter haben gelacht und gefragt, wer Aschaf sei. Ich sagte es wäre der, mit dem man nicht reden darf und ab heute würde ich so heißen. Mit Lachtränen sagte die Freundin, man dürfe Aschaf nicht laut sagen, weil es böse Leute sind, Terroristen. Auch dieses Wort habe ich zum ersten Mal an dem Tag gehört. Ich habe keine weiteren Fragen gestellt, weil mir der Popo brannte. Die Freundin putzte ihre neue Badewanne mit dem damals in Israel üblichen Generalputzmittel Ekonomika, einem Bleichmittel aus Chlor. Der Popo wurde glühend heiß, ich musste weinen. Mein Freund reagierte nicht ganz so empfindlich darauf, meine Mutter hingegen schon. Sie sagte ihrer Freundin, man muss das Ekonomika besser abwaschen und länger warten, bevor man die Badewanne wieder benutzt.

Ein Jahr später wurde ich eingeschult. In der ersten Schulwoche habe ich abends in den Nachrichten Bilder von steinwerfenden vermummten Männern gesehen. Man sprach über Brandsätze. Während ich von meinem nachrichtensüchtigen Vater wissen wollte, was wohl Brandsätze sind, hörte ich im Fernsehen den Namen Jassir Arafat und seinen Titel „Kopf von Aschaf“. So konnte ich von meinem Vater neben der Erklärung zu Brandsätzen auch die Info zu Aschaf bekommen. Aschaf ist der hebräische Name der Organisation zur Befreiung Palästinas, PLO.

- AUSGESCHNITTEN -


Arabisches Land

Das Meer ist heute außergewöhnlich ruhig. Die Fischer sind schon längst wieder zurück. Ihre bunten Bötchen liegen alle im winzigen Hafen. Am Land stehen mehrere einfachste Hütten aus Blech, Stein und Holz, muckelig-gemütlich.

Oft habe ich versucht mir das Land vorzustellen, bevor die Juden hierher strömten. Hier, am Fischerhafen eines arabischen Dorfes, schaffe ich es besser. Israel, Palästina, nenne das Land wie du möchtest, war ein arabisches Land. Ich meine es nicht politisch. Hier lebten Menschen, die in der arabischen Kultur zu Hause waren. Dieses Dorf nannten seine Bewohner Dschiser ez-Zarka auf Arabisch, dt. „die blaue Brücke“. Direkt hinter dem Hafen mündet der Fluss ins Meer, der früher Sümpfe bildete, die Sümpfe, von denen sie lebten. Sie fingen seine Fische, produzierten Töpfe aus seinem Lehmboden und Körbe aus seinen Papyrusstaden und züchteten Büffel.

Bestimmt ist meine Vorstellung idealisiert. Der Alltag war mühsam, das Leben hart und kurz. Und auch damals wurde das verschlafene Leben gelegentlich von Konflikten durchgeschüttelt. Aber es war berechenbar und altbekannt. Es war ihre Welt.

- AUSGESCHNITTEN -


Ein Volk erwacht

Wenn Theodor Herzl einen Parkplatz hier suchen müsste, hätte er sich es mit dem Zionismus zweimal überlegt. Nicht weniger als fünf Runden musste ich heute Morgen durch Rishon LeZions Zentrum drehen, bis ich die ersehnte Parklücke fand. Nur 100 Jahre vor meiner Geburt gegründet und schon leben hier 250.000 Juden, die gefühlt 500.000 Autos abstellen.

„Erstes zu Zion“ wäre der Name der Stadt auf Deutsch. Tatsächlich war es die erste Ortschaft, die Zionisten gründeten. Zionisten, so nannte man ab dem 19. Jhd. die Ideologen, die dieses Land besiedeln und hier einen Judenstaat aufbauen wollten. Als Herzl eine politische Bewegung aus ihren Vereinigungen in Europa machte, war Rishon LeZion 15 Jahre alt.

Ich spaziere durch die alte Dattelpalmenallee und sehe mir den Wir-Haben-Wasser-Gefunden-Brunnen an (ja, er heißt wirklich so), die Große Synagoge, die erste hebräische Schule, das erste Orchesterhaus und die erste industrielle Kellerei im Land. Ich lese mir nochmals die Geschichten durch und stelle mir vor, an welcher Ecke wohl die Fahne zum ersten Mal gehisst wurde, die 63 Jahre später zur Fahne des neugeborenen Staates Israel geworden ist. Unsere Nationalhymne erweist sich als hartnäckiger Ohrwurm, nachdem ich lese, dass auch sie zum ersten Mal hier gesungen wurde. Die rumänische Volksmelodie ist nicht die einzige Verbindung zu Osteuropa. Alle historischen Bauten könnten genauso in jeder rumänischen Altstadt stehen.

Auf der Hinfahrt bestätigten glänzende Industriegebiete mit nagelneuen High-Tech-Bauten den riesigen Erfolg des Zionismus. Im vergangenen Jahrhundert konnte er seine Bestrebungen manchmal besser erfüllen als in jeder Vorstellung. Israels Wirtschaft gehört zu den stärkeren unserer Welt. Mit $ 45.000 BIP pro Kopf bietet Israel seinen Bewohnern einen Lebensstandard, der mit den entwickelten

Ländern Westeuropas mithält. Unser Human-Development-Index ist höher als in vielen europäischen Ländern. Es gibt keinen multinationalen Konzern, der kein Entwicklungszentrum hier hat. Unsere Währung ist stabil, die Inflation und die Arbeitslosigkeit gering, das Wirtschaftswachstum höher als in den meisten Industrieländern, die Zahlungsbilanz im Überschuss. Im Gesundheitsgrad schneiden Israelis international unter den Top 10 ab. Im Vergleich zu Europa ist das Land eine einzige Baustelle in Schallgeschwindigkeit. Nur eine Sache hat der Zionismus noch nicht geschafft, ging mir auf der Fahrt durch den Kopf: Frieden.

Aber eigentlich bin ich hergefahren, weil ich mir die ersten vier Jahrzehnte des zionistischen Werkes vor Augen halten möchte, vor dem Ausbruch des Konfliktes. Wie war es damals?

- AUSGESCHNITTEN -


Die Wiege palästinensischen Nationalismus

Das malerische Steingebäude mit den vielen weißen Kuppeln liegt inmitten der Judäischen Wüste. Auf dem benachbarten Hügel habe ich das Sonnensegel vor dem Auto gespannt. Von hier aus blicke ich auf das Gebäude, das wie eine muslimische Variante eines Klosters aussieht. Nebi Musa heißt es auf Arabisch, dt. „Prophet Mose“. Die muslimische Tradition kennt hier eine Kennzeichnung des Grabes Mose. Ja, derselbe Mose, der das Volk Israel aus Ägypten hergeführt hat. Eigentlich ist er daran schuld, dass wir Juden so an dieses Land kleben, könnte man sagen. Aber anstatt Mose zu beschuldigen, huldigen ihn die Araber hier. Eben habe ich den Innenhof betreten, aber es starrten mich nur zwei Männer an, die nach Haschisch rochen, so dass mir auf dem Hügel wohler ist. Nebi Musa wirkt verlassen und in Vergessenheit geraten. Wie symbolisch ist das Schicksal dieses Ortes, der nicht weniger war als die Wiege palästinensischen Nationalismus.

- AUSGESCHNITTEN -


Verstehen will ich

In 100 Jahren hatten wir 19 verschiedene Pläne, die die Landesteilung in der einen oder anderen Form vorsahen. 12 Pläne sprachen von zwei Staaten, vier wollten den Anschluss von Landesteilen an Jordanien und 3 strebten eine palästinensische Selbstverwaltung an. Kein Plan lieferte eine Lösung oder gar eine dauerhafte Verbesserung.

Wie kann es sein, dass so viele Pläne scheiterten? Warum? Kann es sein, dass wir den Konflikt nicht wirklich verstehen? Wie ein Arzt, der eine Fehldiagnose macht und immer wieder ein Rezept verschreibt, das für die eigentliche Krankheit irrelevant ist und die Symptome sogar verschlimmert?

- AUSGESCHNITTEN -


Speckgürtel

Die achtspurige A5 führt mich vom Ballungsraum Tel Aviv nach Osten.
Ausgeschildert ist Ariel, eine der bekannteren Siedlungen. In Rosh Haayin, einer Stadt, in der vor 25 Jahren vielleicht 30.000 Menschen wohnten, hauptsächlich jemenitische Juden, leben heute 60.000. Im Vorbeifahren schätze ich, dass mindestens 15 20-stöckige Wohnhäuser hier gleichzeitig gebaut werden. Irgendwie passen sie nicht in die hügelige und felsige Landschaft. Sie wirken wie ein Biss der Tel Aviver Metropole in die Ränder des Hügellandes.

Die achtspurige Autobahn wird schmaler. Die blauen Autobahnschilder ersetzen ab hier die grünen Straßenschilder, aber vier Spuren gibt es immer noch. Ich schaue auf die gestrichelte Linie auf meinem GPS, die die Waffenstillstandlinie von 1949 markiert. Kurz bevor ich sie passiere kommt das Schild der regionalen Kommunalverwaltung Samarien. Draußen ist von der Linie nichts zu sehen.
Ich verlasse die Schnellstraße und folge der Ausschilderung nach Oranit. Dort wohnt Gila. Wir kennen einander von den Pfadfindern. Ihre Eltern sind aus Frankreich eingewandert. Ich erinnere mich an den Stolz ihres Vaters auf die Auswahl dreier Avocadosorten vor ihrem gepflegten Haus. Inzwischen ist sie Ärztin geworden und heiratete einen Piloten. Zusammen bauten sie ein Haus in Oranit. Der 10.000-Einwohner große Ort liegt unmittelbar an der Grünen Linie, allerdings östlich, was ihn zu einer Siedlung macht.

- AUSGESCHNITTEN -


Nakba und Feuerwerk

Die Empfehlung von Oren aus Beit Aryeh, mir die neuen Häuser im benachbarten palästinensischen Luban anzuschauen, habe ich mitgenommen. Bei nächster Gelegenheit halte ich am Lebensmittelladen an. An solchen Straßen mit viel israelischem Durchgangsverkehr schreiben so gut wie alle palästinensischen Geschäfte ihr Angebot auch und zum Teil nur auf Hebräisch an, von der Autowerkstatt, über einen Dönerstand bis hin zum Zahnarzt. Das Schild des Lebensmittelladens ist nur auf Hebräisch. Der Laden ist klein und vollgestopft, aber die Auswahl ist trotzdem klein. Das Obst und Gemüse sieht nicht nach der A-Klasse aus. Solches Obst und Gemüse sieht man in den israelischen Supermärkten nicht. Mir gefällt es. Ich stehe nicht auf die perfekte Güteklasse. An der Wand ist ein Fernseher installiert. Es läuft Al-Jazeera auf Arabisch. Im Rundgang entdecke ich viele israelische Produkte. Einige sind genauso verpackt wie in israelischen Läden, andere ähnlich nur mit arabischer Schrift. Die Preise der Lokal- und Importware sind generell eine Ecke tiefer als in israelischen Läden, aber die israelischen Produkte in diesem Laden kosten fast gleich. Viele ausländische Produkte sind mir überhaupt nicht bekannt. Ich nehme ein paar Sachen und gehe zur Kasse. Es gibt keinen Kassenband, nur eine Theke. Der Verkäufer tippt alles ein und sagt den Betrag gleich auf Hebräisch. Ich erzähle ihm, dass ich mich gefreut habe, den Laden zu entdecken. Ich halte hier zum ersten Mal an. „Komm jeden Tag,“ sagt er mir lächelnd. „Ich habe hier alles.“ Ich frage ihn, wie lange er seinen Laden hat. Bald 25 Jahre. „Gibt es im Dorf noch mehr Lebensmittelläden?“ frage ich ihn. Ja, noch einen. „Aber der ist klein und hat nicht so viel Auswahl,“ versucht er mich vorbeugend zu überzeugen. „Bei mir halten alle an, du hast hier immer einen Parkplatz und immer die besten Preise.“ „Kaufen auch Leute aus dem Dorf bei dir ein?“ frage ich nach. „Sicher. Aber für die ist der andere Laden näher.“ „Sind hauptsächlich Israelis deine Kunden?“ „80%, manchmal mehr. Ich sage dir nicht ohne Grund, bei mir finden sie alles, was sie brauchen.“ Sein Stolz auf seine israelische Kundschaft ist sichtbar. Sicher weiß er, dass Israelis, die nicht gerade in einer der nächsten Siedlungen wohnen, wohl kaum hierherkämen, um bei ihm einzukaufen. Sein Geschäft basiert auf dem Siedlerverkehr. „Was wirst du machen, wenn die neue Umgehungsstraße fertiggestellt ist?“ frage ich ihn. Er hält seine Hände offen und schaut nach oben. „Gott ist groß“ antwortet er. Er hat keine Ahnung was er machen wird, wenn die Siedler nicht mehr durch Luban fahren. Ich kann mir kaum vorstellen, dass sein Laden dann lange bestehen kann. Für die Dorfkundschaft ist er zu weit weg. „Kommt ihr mit den Leuten aus Beit Aryeh klar?“ „Sicher“ sagt er schnell. „Wir zeigen unseren Kindern euer schönes Feuerwerk am Unabhängigkeitstag.“ Auf diese Antwort war ich nicht vorbereitet. Wenn ich Palästinenser wäre, wäre mir der israelische Unabhängigkeitstag ein Dorn im Auge, vermute ich, der rücksichtslose Siegeszug des Feindes, der mich in meinem Schmerz vom selben Tag ignoriert. Und der palästinensische Vater vor mir und seine Kinder warten auf diesen Tag, um Feuerwerk zu sehen. „Ich bin nicht aus Beit Aryeh,“ kläre ich ihn über seine falsche Annahme auf. „Woher denn?“ „Bei Netanya, aber seit einigen Jahren lebe ich im Ausland.“ „Ah, im Ausland ist es am besten, glaube mir. Aber wenn du zurück ins Land kommst, dann überlege dir, in Beit Aryeh etwas zu finden. Es ist ein guter Ort.“ Jetzt fängt der Palästinenser an, Werbung für den Zuzug in eine Siedlung zu machen. „Ich dachte jeder Jude weniger im Land ist ein guter Jude,“ sage ich ihm mit einem Lächeln. „Ah, lass mal die Politik aus. Sie ist unwichtig,“ urteilt er. Zwischen der politischen und der persönlichen Ebene ist die Kluft groß, sehe ich immer wieder. Was politisch unverträglich ist, mag persönlich kein Problem sein. „Habt ihr auch Freunde in Beit Aryeh?“ will ich die Grenze zwischen dem Persönlichen und dem Politischen abtasten. „Ich habe Freunde überall, auch von Peduel, und Nili (weitere Siedlungen in der Nähe). Wir haben sie hier zu Hochzeiten eingeladen.“ „Und sind sie gekommen?“ „Sicher sind sie. Und sie haben wie Könige gegessen und viel Spaß gehabt.“ „Macht doch eine Städtepartnerschaft oder ein Fußballclub zusammen“ schlage ich vor, während ich weiß, dass das nicht geht. „Ah, du weißt wie es ist. Das geht nicht.“ „Wieso nicht? Würden die Siedler es nicht wollen?“ frage ich. „Unsere Behörde wird es nicht lieben. Wir würden Probleme bekommen.“ Es ist bekannt, dass die PA solche Beziehungen streng verbietet und jegliche Normalisierung mit den Siedlungen boykottiert. „Eines Tages,“ sage ich ihm. „Inschallah, von deinem Mund zu Gott,“ schließt er ab.

- AUSGESCHNITTEN -


Ein Spezialtor

Die arabisch Stadt Baqa el-Gharbijja liegt direkt an der Grünen Linie. Früher fuhren die Einwohner ins andere, das östliche Baqa, zum Einkaufen. 1,5 km liegen zwischen den beiden Baqas. Die Leute vom westlichen Baqa sind israelische Staatsbürger, weil ihr Dorf im Waffenstillstandabkommen von 1949 zu Israel kam. Die Leute im östlichen Baqa kamen unter jordanische und 1967 unter israelische Kontrolle. Seit Oslo ist ihr Dorf in einer B-Zone der PA. Seit der Zweiten Intifada verläuft die Grenzanlage zwischen den beiden Baqas. Man kann nicht mehr mit dem Auto einfach rüberfahren.

An diesem Morgen möchte ich mir das Tor zwischen den Baqas anschauen. Die Straße ist eine Sackgasse geworden. Sie endet in einer Betonmauer. Um 07:10 Uhr ist sie aber für eine Sackgasse sehr lebendig. Pkws, v. a. Pickups, stehen hier. In den meisten sitzt ein Fahrer, manchmal sitzt auch jemand auf dem Beifahrersitz. Bei vielen bleibt der Motor an. Andere warten angelehnt an ihr Auto, im Handy versunken. Ich bin hier der einzige Jude zwischen allen Arabern und falle auf, aber keiner spricht mich an. Ab und zu kommen welche zu Fuß aus einer Seitengasse, allein oder in Kleingruppen. Fast alle tragen eine schwarze Plastiktüte in der Hand. Dieses Bild ist in Israel bekannt. Ich habe noch nie verstanden, wieso die palästinensischen Arbeiter ihr Essen immer in Plastiktüten tragen und warum immer schwarz. Dem Klischee nach haben sie dort Pita und Hummus. „Wartet ihr alle auf Arbeiter?“ frage ich einen wartenden Mann. Er nickt. „Kann ich auch einen Arbeiter hier mitnehmen?“ „Hier kommen nur welche mit Sondergenehmigung durch. Sie sind alle persönlich eingeladen,“ erklärt er. Auf seiner Ladefläche hat er Gartenwerkzeug. „Gärtner, oder?“ Er lächelt bestätigend und gibt mir sogar eine Visitenkarte aus dem Auto. Die Visitenkarte ist nur auf Hebräisch. „Wir machen alles. Mauern, Trockenbau, mit Beton, Wege, Pflaster, Pergolen, Bewässerung, alles computerisiert, alle Pflanzarbeiten. Neue Gärten und Pflege. Meine Kunden sind überall im jüdischen Sektor.“ „Hast du auch arabische Kunden?“ „Auch ein paar, aber viel mehr Juden. Sie arbeiten mit mir gern.“ Die Aufträge von jüdischen Kunden scheinen für ihn die beste Visitenkarte zu sein. „Wie viele Arbeiter holst du hier ab?“ „Nur zwei.“ „Immer nur zwei?“ „Ja. Ich habe meine festen Leute. Sie kennen die Arbeit und die Kunden.“ „Kriegst du leicht die Genehmigung, sie zu beschäftigen?“ „Im Staat Israel ist nichts einfach, wie du weißt, erklärt er von Israeli zu Israeli. Wenn es um das Beschweren über Bürokratie geht, gibt es eine Grundsolidarität unter Israelis, auch zwischen Juden und Arabern. „Ich kann dir versichern, dass es im Ausland nicht einfacher ist.“ Bevor ich meine Aussage erklären muss, kommen seine beiden Arbeiter, Anfang 20, in Jeans und T-Shirt. Beide waren kürzlich beim Friseur. Die Haarmode der palästinensischen jungen Männer ist im internationalen Trend: Die Seiten kurz, oben lang, der Pony noch länger und diagonal mit Hilfe von Haarspray stehend. Beide haben einen nicht zu langen Hipsterbart. In einem anderen Kontext hätte ich sie nie für Hilfsarbeiter gehalten. Ihr Arbeitgeber fragt sie, ob es heute am Grenzübergang schneller war. Sie sind wohl etwas früher als sonst. „Wann müsst ihr aufstehen, um um 07:00 Uhr hier zu sein?“ frage ich die beiden. „So kurz vor 06:00.“ „Ah, nicht arg so früh,“ bewerte ich. „Nein, es geht. Wir wohnen nicht weit.“ Beide kommen aus einem Dorf weiter südlich, nicht weit von Tulkarm. Ihre Einladung ist aber nur für diesen Grenzübergang gültig, weil ihr Arbeitgeber hier ist. „Sind die Soldaten hier ok zu euch?“ „Ja, sie sind schon ok. Sie machen ihre Arbeit und schauen sich die Dokumente von jedem an.“ „Ist die Warteschlange lang?“ „Geh doch hin, schau sie dir an,“ empfehlen sie mir und steigen in den Pickup ein.

- AUSGESCHNITTEN -


Sogar über das Problem uneinig

In den Kreisen, in denen ich großgeworden bin, sprach man über die Besatzung von 67, die Problematik der Siedlungen, die Unterdrückung der Palästinenser, die Notwendigkeit der Teilung Jerusalems und die Grüne Linie als die wahre Definition von Israel und Palästina. Wir lebten im Gedanken, dass das Ende der Besatzung und die Landesteilung die Probleme lösen und den ersehnten Frieden bringen würde. Wir haben die Schuld in uns gesucht und im Sechstagekrieg gefunden. Ehud Barak wuchs im Nachbarkibbuz meiner Kibbuzschule auf. Sein Slogan „Wir hier sie dort“ war der Slogan von uns allen.
Erst im vierten Jahrzehnt meines Lebens habe ich allmählich verstanden: wir lebten in einer Illusion.

- AUSGESCHNITTEN -


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Oft brüsten wir uns Juden mit der früheren Bereitschaft, das Land zu teilen und erklären die Araber wegen ihrer Ablehnung für schuldig. Dabei übersehen wir die Veränderung im Machtverhältnis. Als Juden eine kleine Minderheit im Land waren, war ihre Teilungsbereitschaft nicht verwunderlich. Fast jedes Stückchen Land für einen eigenen Staat in der historischen Heimat wäre die Erfüllung ihres nationalen Traums. Sie mussten sich zwischen dem ganzen Land und einem Staat entscheiden. Die Judenverfolgung in Europa hat für Dringlichkeit gesorgt. Ihr Pragmatismus war der Schlüssel für ihren politischen Erfolg. Heute ist die jüdische Bereitschaft, das Land zu teilen, als Siegerseite inzwischen nicht mehr im Konsens.

Ganz ehrlich: wieso sollten die Araber einem Teilungsvorschlag zustimmen, solange sie eine große Mehrheit waren? Wer hätte gedacht, dass die Juden so stark werden würden?
Als ich meinen Freund Atrash fragte, warum die Araber alle Teilungsvorschläge total ablehnten, schaute er mich überrascht an und fragte: „Wenn sich jemand ein Zimmer bei dir gemietet hätte, sich aber in deinem Wohnzimmer auf dem Sofa eingenistet, und dann mit dem Vorschlag käme, ‘Lass uns das Haus teilen’, hättest du es angenommen?“ Für uns sind wir im Land zu Hause. Für sie sind wir erst seit vorgestern da.

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