Wie denn sonst, wenn nicht gemeinsam?

Eine hoffnungsvolle Reise durch den Nahostkonflikt

Assaf Zeevi mein nächstes Buch
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So viele Bücher und Artikel wurden über unseren israelisch-palästinensischen Konflikt geschrieben, Filme, Serien und Dokumentationen gedreht. Er ist so prominent, dass aus allen Konflikten im Nahen Osten nur er den Namen „Nahostkonflikt“ bekam. Seit Jahrzehnten bekommt er die Weltaufmerksamkeit, löst Emotionen aus und polarisiert selbst Unbeteiligte. Und das, obwohl er an Fläche und an Opfer gemessen verhältnismäßig klein ist. Er muss für viele wichtig sein.


Als Israeli kann ich mir mein Leben ohne ihn kaum vorstellen. Lebenslang bin ich mit ihm vielschichtig konfrontiert. Vielleicht gerade deswegen verwundert mich die Meinungsentschlossenheit mancher im fernen Ausland. Als könne man nur „proisraelisch“ oder „propalästinensisch“ sein. Viele verflachen auf diese Art die Diskussion. Dabei kennen die wenigsten die Realität vor Ort und nur Teile der Geschichte. Selbst unter Israelis und Palästinensern kennen viele eher Ausschnitte des Konfliktes. Sie kennen die andere Seite nicht wirklich. Viele der geschriebenen und gedrehten Werke verteidigen ihre gewählte Konfliktpartei und setzen die andere auf die Klagebank. Manche Kommentatoren erklären gut, was an Lösungsvisionen alles nicht funktionieren würde. Es gibt viele Experten für das Scheitern, für Erfolge eher keine.

Seit 2008 bin ich als Reiseleiter in Israel tätig. Diese Tätigkeit brachte mich in alltäglichen Kontakt mit Arabern aus Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten. Nach einer gewissen Zeit habe ich „vergessen“, dass sie Araber sind. Aus „Arabern“ wurden sie Atrash, Razi, Khaled, Ahlam und Fadi. Im Laufe der Jahre entstanden auch manche Freundschaften für das Leben. Die Kontakte öffneten mir eine Tür in ihre Welt. Vor allem hat mich ihre Perspektive auf den Konflikt und auf uns fasziniert. Wie ein neuer Aussichtspunkt auf das Tal, in dem man selbst lebt. Ich habe verstanden, dass ich den Konflikt nicht ganz verstand.

Die neuen Optionen haben mich privilegiert, die palästinensischen Autonomiegebiete viel zu bereisen. Sonst wären sie für mich so unerreichbar geblieben wie für fast alle Israelis. Nach vielen Jahren im hoffnungslosen Ermüdungszustand, begleitet von wiederholten Mantras, an die wir nicht mehr glauben, habe ich mich auf die Suche nach den Wurzeln des Konfliktes gemacht. Ich habe mich auf eine Reise durch die Realität und die Geschichte des Konfliktes begeben. Nur so würde ich auch in der Lage sein, Gründe zur Hoffnung zu finden, sofern es welche gibt, habe ich vermutet.

Ich bin fündig geworden. Das Erlebte und Gelernte habe ich in diesem Buch in Worten gefasst.

Das Buch wird im Frühling 2022 erscheinen.

Assaf Zeevi mein nächstes Buch

Einblicke ins Manuskript

©Assaf Zeevi
Alle Rechte vorbehalten



Ich möchte dich erst in meine eigene Kindheit und Jugend mitnehmen. Nicht um meine Person in den Mittelpunkt zu stellen. Auch nicht, weil meine Biografie besonders interessant ist. Diese könnten in ähnlicher Form Millionen Israelis haben. Genau aus diesem Grund möchte ich diese Einblicke bieten. Und noch ein Grund: Durch diese Einblicke wird verständlich, weshalb ich mich für die Suche verpflichtet fühle.

Chlorempfindlichkeit und die PLO

Ich bin 1982 in Israel geboren. Das erste Mal, dass ich etwas über Araber gehört habe, war im Alter von drei. Draußen fuhr ein alter offener Transporter sehr langsam. Aus einem Lautsprechen hörte man: „Altisachen, Altisachen“. „Mama, was heißt „Altisachen?“ fragte ich meine Mutter aufgeregt. „Schrott,“ erklärte sie, „es ist ein Schrottsammler.“ „Wieso hat er ein blaues Nummernschild?“ Alle Nummernschilder waren sonst gelb. „Weil er aus den Schtachim (dt. „Gebiete“) kommt.“ Sicher wusste meine Mutter, dass die nächste Frage sofort kommt. „Was sind die Schtachim?“ „Das sind Gebiete, wo viele Araber wohnen,“ war die Antwort. Schon wieder so ein Wort, dass ich nie gehört habe. „Was sind Araber?“ „Menschen. Sie sprechen Arabisch,“ erklärte sie. Lange war ich mir sicher, „Altisachen“ wäre ein arabisches Wort, bis ich verstand, dass es jiddisch war, „alte Sachen“ bedeutet und mit schwerem arabischem Akzent vom Tonband des Schrottsammlers kam.

Vom Konflikt habe ich mit fünf Jahren zum ersten Mal etwas wahrgenommen. Ich war bei einem Freund zu Besuch, unsere Mütter haben sich verabredet. Wir Jungen durften oben alleine in die Badewanne gehen und haben das Rutschen geübt. Dabei haben wir gemessen, wer weiter Wasser spritzt. Das Reihenhaus in der Stadt Netanya war damals sehr modern. Vom offenen Flur oben konnte man ins Wohnzimmer sehen und hören. Auch den Fernseher, in dem gerade die Sendung Erev Chadasch lief, dt. „Neuer Abend“, ein Nachrichtenjournal um 17:00 Uhr. Meine Mutter schaute selten Nachrichten. Sicher war die Freundin Grund dafür, dass der Fernseher angeschaltet war. Zwischen den Spritzwellen aus der Badewanne konnten wir Stimmen aus dem Fernseher hören, die darüber sprachen, Gespräche mit Aschaf seien verboten. Sie diskutierten darüber, was die Strafe für jemanden sein sollte, der trotzdem mit Aschaf sprach. Ich hatte keine Ahnung wer Aschaf war, aber die Ähnlichkeit mit meinem Namen ist mir aufgefallen. Sie gefiel mir. Nach jedem Rutschen schrie ich laut: „Und jetzt ist Aschaf dran!“ Irgendwann kamen unsere Mütter und zeigten ihre Empörung über die Spritzerei. Das ganze Bad stand unter Wasser, unsere Hintern waren rot. Auf die Frage, was wir da wohl machen, sagte ich, ich wäre es nicht, es wäre Aschaf gewesen. „Wer?“ fragte die Freundin meiner Mutter. „Aschaf“, gab ich meine klare Antwort. Unsere Mütter haben gelacht und gefragt, wer Aschaf sei. Ich sagte es wäre der, mit dem man nicht reden darf und ab heute würde ich so heißen. Mit Lachtränen sagte die Freundin, man dürfe Aschaf nicht laut sagen, weil es böse Leute sind, Terroristen. Auch dieses Wort habe ich zum ersten Mal an dem Tag gehört. Ich habe keine weiteren Fragen gestellt, weil mir der Popo brannte. Die Freundin putzte ihre neue Badewanne mit dem damals in Israel üblichen Generalputzmittel Ekonomika, einem Bleichmittel aus Chlor. Der Popo wurde glühend heiß, ich musste weinen. Mein Freund reagierte nicht ganz so empfindlich darauf, meine Mutter hingegen schon. Sie sagte ihrer Freundin, man muss das Ekonomika besser abwaschen und länger warten, bevor man die Badewanne wieder benutzt.

Ein Jahr später wurde ich eingeschult. In der ersten Schulwoche habe ich abends in den Nachrichten Bilder von steinwerfenden vermummten Männern gesehen. Man sprach über Brandsätze. Während ich von meinem nachrichtensüchtigen Vater wissen wollte, was wohl Brandsätze sind, hörte ich im Fernsehen den Namen Jassir Arafat und seinen Titel „Kopf von Aschaf“. So konnte ich von meinem Vater neben der Erklärung zu Brandsätzen auch die Info zu Aschaf bekommen. Aschaf ist der hebräische Name der Organisation zur Befreiung Palästinas, PLO.

- AUSGESCHNITTEN -


Arabisches Land

Das Meer ist heute außergewöhnlich ruhig. Die Fischer sind schon längst wieder zurück. Ihre bunten Bötchen liegen alle im winzigen Hafen. Am Land stehen mehrere einfachste Hütten aus Blech, Stein und Holz, muckelig-gemütlich.

Oft habe ich versucht mir das Land vorzustellen, bevor die Juden hierher strömten. Hier, am Fischerhafen eines arabischen Dorfes, schaffe ich es besser. Israel, Palästina, nenne das Land wie du möchtest, war ein arabisches Land. Ich meine es nicht politisch. Hier lebten Menschen, die in der arabischen Kultur zu Hause waren. Dieses Dorf nannten seine Bewohner Dschiser ez-Zarka auf Arabisch, dt. „die blaue Brücke“. Direkt hinter dem Hafen mündet der Fluss ins Meer, der früher Sümpfe bildete, die Sümpfe, von denen sie lebten. Sie fingen seine Fische, produzierten Töpfe aus seinem Lehmboden und Körbe aus seinen Papyrusstaden und züchteten Büffel.

Bestimmt ist meine Vorstellung idealisiert. Der Alltag war mühsam, das Leben hart und kurz. Und auch damals wurde das verschlafene Leben gelegentlich von Konflikten durchgeschüttelt. Aber es war berechenbar und altbekannt. Es war ihre Welt.

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Ein Volk erwacht

Wenn Theodor Herzl einen Parkplatz hier suchen müsste, hätte er sich es mit dem Zionismus zweimal überlegt. Nicht weniger als fünf Runden musste ich heute Morgen durch Rishon LeZions Zentrum drehen, bis ich die ersehnte Parklücke fand. Nur 100 Jahre vor meiner Geburt gegründet und schon leben hier 250.000 Juden, die gefühlt 500.000 Autos abstellen.

„Erstes zu Zion“ wäre der Name der Stadt auf Deutsch. Tatsächlich war es die erste Ortschaft, die Zionisten gründeten. Zionisten, so nannte man ab dem 19. Jhd. die Ideologen, die dieses Land besiedeln und hier einen Judenstaat aufbauen wollten. Als Herzl eine politische Bewegung aus ihren Vereinigungen in Europa machte, war Rishon LeZion 15 Jahre alt.

Ich spaziere durch die alte Dattelpalmenallee und sehe mir den Wir-Haben-Wasser-Gefunden-Brunnen an (ja, er heißt wirklich so), die Große Synagoge, die erste hebräische Schule, das erste Orchesterhaus und die erste industrielle Kellerei im Land. Ich lese mir nochmals die Geschichten durch und stelle mir vor, an welcher Ecke wohl die Fahne zum ersten Mal gehisst wurde, die 63 Jahre später zur Fahne des neugeborenen Staates Israel geworden ist. Unsere Nationalhymne erweist sich als hartnäckiger Ohrwurm, nachdem ich lese, dass auch sie zum ersten Mal hier gesungen wurde. Die rumänische Volksmelodie ist nicht die einzige Verbindung zu Osteuropa. Alle historischen Bauten könnten genauso in jeder rumänischen Altstadt stehen.

Auf der Hinfahrt bestätigten glänzende Industriegebiete mit nagelneuen High-Tech-Bauten den riesigen Erfolg des Zionismus. Im vergangenen Jahrhundert konnte er seine Bestrebungen manchmal besser erfüllen als in jeder Vorstellung. Israels Wirtschaft gehört zu den stärkeren unserer Welt. Mit $ 45.000 BIP pro Kopf bietet Israel seinen Bewohnern einen Lebensstandard, der mit den entwickelten

Ländern Westeuropas mithält. Unser Human-Development-Index ist höher als in vielen europäischen Ländern. Es gibt keinen multinationalen Konzern, der kein Entwicklungszentrum hier hat. Unsere Währung ist stabil, die Inflation und die Arbeitslosigkeit gering, das Wirtschaftswachstum höher als in den meisten Industrieländern, die Zahlungsbilanz im Überschuss. Im Gesundheitsgrad schneiden Israelis international unter den Top 10 ab. Im Vergleich zu Europa ist das Land eine einzige Baustelle in Schallgeschwindigkeit. Nur eine Sache hat der Zionismus noch nicht geschafft, ging mir auf der Fahrt durch den Kopf: Frieden.

Aber eigentlich bin ich hergefahren, weil ich mir die ersten vier Jahrzehnte des zionistischen Werkes vor Augen halten möchte, vor dem Ausbruch des Konfliktes. Wie war es damals?

- AUSGESCHNITTEN -


Die Wiege palästinensischen Nationalismus

Das malerische Steingebäude mit den vielen weißen Kuppeln liegt inmitten der Judäischen Wüste. Auf dem benachbarten Hügel habe ich das Sonnensegel vor dem Auto gespannt. Von hier aus blicke ich auf das Gebäude, das wie eine muslimische Variante eines Klosters aussieht. Nebi Musa heißt es auf Arabisch, dt. „Prophet Mose“. Die muslimische Tradition kennt hier eine Kennzeichnung des Grabes Mose. Ja, derselbe Mose, der das Volk Israel aus Ägypten hergeführt hat. Eigentlich ist er daran schuld, dass wir Juden so an dieses Land kleben, könnte man sagen. Aber anstatt Mose zu beschuldigen, huldigen ihn die Araber hier. Eben habe ich den Innenhof betreten, aber es starrten mich nur zwei Männer an, die nach Haschisch rochen, so dass mir auf dem Hügel wohler ist. Nebi Musa wirkt verlassen und in Vergessenheit geraten. Wie symbolisch ist das Schicksal dieses Ortes, der nicht weniger war als die Wiege palästinensischen Nationalismus.

- AUSGESCHNITTEN -


Verstehen will ich

In 100 Jahren hatten wir 19 verschiedene Pläne, die die Landesteilung in der einen oder anderen Form vorsahen. 12 Pläne sprachen von zwei Staaten, vier wollten den Anschluss von Landesteilen an Jordanien und 3 strebten eine palästinensische Selbstverwaltung an. Kein Plan lieferte eine Lösung oder gar eine dauerhafte Verbesserung.

Wie kann es sein, dass so viele Pläne scheiterten? Warum? Kann es sein, dass wir den Konflikt nicht wirklich verstehen? Wie ein Arzt, der eine Fehldiagnose macht und immer wieder ein Rezept verschreibt, das für die eigentliche Krankheit irrelevant ist und die Symptome sogar verschlimmert?

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Speckgürtel

Die achtspurige A5 führt mich vom Ballungsraum Tel Aviv nach Osten.
Ausgeschildert ist Ariel, eine der bekannteren Siedlungen. In Rosh Haayin, einer Stadt, in der vor 25 Jahren vielleicht 30.000 Menschen wohnten, hauptsächlich jemenitische Juden, leben heute 60.000. Im Vorbeifahren schätze ich, dass mindestens 15 20-stöckige Wohnhäuser hier gleichzeitig gebaut werden. Irgendwie passen sie nicht in die hügelige und felsige Landschaft. Sie wirken wie ein Biss der Tel Aviver Metropole in die Ränder des Hügellandes.

Die achtspurige Autobahn wird schmaler. Die blauen Autobahnschilder ersetzen ab hier die grünen Straßenschilder, aber vier Spuren gibt es immer noch. Ich schaue auf die gestrichelte Linie auf meinem GPS, die die Waffenstillstandlinie von 1949 markiert. Kurz bevor ich sie passiere kommt das Schild der regionalen Kommunalverwaltung Samarien. Draußen ist von der Linie nichts zu sehen.
Ich verlasse die Schnellstraße und folge der Ausschilderung nach Oranit. Dort wohnt Gila. Wir kennen einander von den Pfadfindern. Ihre Eltern sind aus Frankreich eingewandert. Ich erinnere mich an den Stolz ihres Vaters auf die Auswahl dreier Avocadosorten vor ihrem gepflegten Haus. Inzwischen ist sie Ärztin geworden und heiratete einen Piloten. Zusammen bauten sie ein Haus in Oranit. Der 10.000-Einwohner große Ort liegt unmittelbar an der Grünen Linie, allerdings östlich, was ihn zu einer Siedlung macht.

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Nakba und Feuerwerk

Die Empfehlung von Oren aus Beit Aryeh, mir die neuen Häuser im benachbarten palästinensischen Luban anzuschauen, habe ich mitgenommen. Bei nächster Gelegenheit halte ich am Lebensmittelladen an. An solchen Straßen mit viel israelischem Durchgangsverkehr schreiben so gut wie alle palästinensischen Geschäfte ihr Angebot auch und zum Teil nur auf Hebräisch an, von der Autowerkstatt, über einen Dönerstand bis hin zum Zahnarzt. Das Schild des Lebensmittelladens ist nur auf Hebräisch. Der Laden ist klein und vollgestopft, aber die Auswahl ist trotzdem klein. Das Obst und Gemüse sieht nicht nach der A-Klasse aus. Solches Obst und Gemüse sieht man in den israelischen Supermärkten nicht. Mir gefällt es. Ich stehe nicht auf die perfekte Güteklasse. An der Wand ist ein Fernseher installiert. Es läuft Al-Jazeera auf Arabisch. Im Rundgang entdecke ich viele israelische Produkte. Einige sind genauso verpackt wie in israelischen Läden, andere ähnlich nur mit arabischer Schrift. Die Preise der Lokal- und Importware sind generell eine Ecke tiefer als in israelischen Läden, aber die israelischen Produkte in diesem Laden kosten fast gleich. Viele ausländische Produkte sind mir überhaupt nicht bekannt. Ich nehme ein paar Sachen und gehe zur Kasse. Es gibt keinen Kassenband, nur eine Theke. Der Verkäufer tippt alles ein und sagt den Betrag gleich auf Hebräisch. Ich erzähle ihm, dass ich mich gefreut habe, den Laden zu entdecken. Ich halte hier zum ersten Mal an. „Komm jeden Tag,“ sagt er mir lächelnd. „Ich habe hier alles.“ Ich frage ihn, wie lange er seinen Laden hat. Bald 25 Jahre. „Gibt es im Dorf noch mehr Lebensmittelläden?“ frage ich ihn. Ja, noch einen. „Aber der ist klein und hat nicht so viel Auswahl,“ versucht er mich vorbeugend zu überzeugen. „Bei mir halten alle an, du hast hier immer einen Parkplatz und immer die besten Preise.“ „Kaufen auch Leute aus dem Dorf bei dir ein?“ frage ich nach. „Sicher. Aber für die ist der andere Laden näher.“ „Sind hauptsächlich Israelis deine Kunden?“ „80%, manchmal mehr. Ich sage dir nicht ohne Grund, bei mir finden sie alles, was sie brauchen.“ Sein Stolz auf seine israelische Kundschaft ist sichtbar. Sicher weiß er, dass Israelis, die nicht gerade in einer der nächsten Siedlungen wohnen, wohl kaum hierherkämen, um bei ihm einzukaufen. Sein Geschäft basiert auf dem Siedlerverkehr. „Was wirst du machen, wenn die neue Umgehungsstraße fertiggestellt ist?“ frage ich ihn. Er hält seine Hände offen und schaut nach oben. „Gott ist groß“ antwortet er. Er hat keine Ahnung was er machen wird, wenn die Siedler nicht mehr durch Luban fahren. Ich kann mir kaum vorstellen, dass sein Laden dann lange bestehen kann. Für die Dorfkundschaft ist er zu weit weg. „Kommt ihr mit den Leuten aus Beit Aryeh klar?“ „Sicher“ sagt er schnell. „Wir zeigen unseren Kindern euer schönes Feuerwerk am Unabhängigkeitstag.“ Auf diese Antwort war ich nicht vorbereitet. Wenn ich Palästinenser wäre, wäre mir der israelische Unabhängigkeitstag ein Dorn im Auge, vermute ich, der rücksichtslose Siegeszug des Feindes, der mich in meinem Schmerz vom selben Tag ignoriert. Und der palästinensische Vater vor mir und seine Kinder warten auf diesen Tag, um Feuerwerk zu sehen. „Ich bin nicht aus Beit Aryeh,“ kläre ich ihn über seine falsche Annahme auf. „Woher denn?“ „Bei Netanya, aber seit einigen Jahren lebe ich im Ausland.“ „Ah, im Ausland ist es am besten, glaube mir. Aber wenn du zurück ins Land kommst, dann überlege dir, in Beit Aryeh etwas zu finden. Es ist ein guter Ort.“ Jetzt fängt der Palästinenser an, Werbung für den Zuzug in eine Siedlung zu machen. „Ich dachte jeder Jude weniger im Land ist ein guter Jude,“ sage ich ihm mit einem Lächeln. „Ah, lass mal die Politik aus. Sie ist unwichtig,“ urteilt er. Zwischen der politischen und der persönlichen Ebene ist die Kluft groß, sehe ich immer wieder. Was politisch unverträglich ist, mag persönlich kein Problem sein. „Habt ihr auch Freunde in Beit Aryeh?“ will ich die Grenze zwischen dem Persönlichen und dem Politischen abtasten. „Ich habe Freunde überall, auch von Peduel, und Nili (weitere Siedlungen in der Nähe). Wir haben sie hier zu Hochzeiten eingeladen.“ „Und sind sie gekommen?“ „Sicher sind sie. Und sie haben wie Könige gegessen und viel Spaß gehabt.“ „Macht doch eine Städtepartnerschaft oder ein Fußballclub zusammen“ schlage ich vor, während ich weiß, dass das nicht geht. „Ah, du weißt wie es ist. Das geht nicht.“ „Wieso nicht? Würden die Siedler es nicht wollen?“ frage ich. „Unsere Behörde wird es nicht lieben. Wir würden Probleme bekommen.“ Es ist bekannt, dass die PA solche Beziehungen streng verbietet und jegliche Normalisierung mit den Siedlungen boykottiert. „Eines Tages,“ sage ich ihm. „Inschallah, von deinem Mund zu Gott,“ schließt er ab.

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Ein Spezialtor

Die arabisch Stadt Baqa el-Gharbijja liegt direkt an der Grünen Linie. Früher fuhren die Einwohner ins andere, das östliche Baqa, zum Einkaufen. 1,5 km liegen zwischen den beiden Baqas. Die Leute vom westlichen Baqa sind israelische Staatsbürger, weil ihr Dorf im Waffenstillstandabkommen von 1949 zu Israel kam. Die Leute im östlichen Baqa kamen unter jordanische und 1967 unter israelische Kontrolle. Seit Oslo ist ihr Dorf in einer B-Zone der PA. Seit der Zweiten Intifada verläuft die Grenzanlage zwischen den beiden Baqas. Man kann nicht mehr mit dem Auto einfach rüberfahren.

An diesem Morgen möchte ich mir das Tor zwischen den Baqas anschauen. Die Straße ist eine Sackgasse geworden. Sie endet in einer Betonmauer. Um 07:10 Uhr ist sie aber für eine Sackgasse sehr lebendig. Pkws, v. a. Pickups, stehen hier. In den meisten sitzt ein Fahrer, manchmal sitzt auch jemand auf dem Beifahrersitz. Bei vielen bleibt der Motor an. Andere warten angelehnt an ihr Auto, im Handy versunken. Ich bin hier der einzige Jude zwischen allen Arabern und falle auf, aber keiner spricht mich an. Ab und zu kommen welche zu Fuß aus einer Seitengasse, allein oder in Kleingruppen. Fast alle tragen eine schwarze Plastiktüte in der Hand. Dieses Bild ist in Israel bekannt. Ich habe noch nie verstanden, wieso die palästinensischen Arbeiter ihr Essen immer in Plastiktüten tragen und warum immer schwarz. Dem Klischee nach haben sie dort Pita und Hummus. „Wartet ihr alle auf Arbeiter?“ frage ich einen wartenden Mann. Er nickt. „Kann ich auch einen Arbeiter hier mitnehmen?“ „Hier kommen nur welche mit Sondergenehmigung durch. Sie sind alle persönlich eingeladen,“ erklärt er. Auf seiner Ladefläche hat er Gartenwerkzeug. „Gärtner, oder?“ Er lächelt bestätigend und gibt mir sogar eine Visitenkarte aus dem Auto. Die Visitenkarte ist nur auf Hebräisch. „Wir machen alles. Mauern, Trockenbau, mit Beton, Wege, Pflaster, Pergolen, Bewässerung, alles computerisiert, alle Pflanzarbeiten. Neue Gärten und Pflege. Meine Kunden sind überall im jüdischen Sektor.“ „Hast du auch arabische Kunden?“ „Auch ein paar, aber viel mehr Juden. Sie arbeiten mit mir gern.“ Die Aufträge von jüdischen Kunden scheinen für ihn die beste Visitenkarte zu sein. „Wie viele Arbeiter holst du hier ab?“ „Nur zwei.“ „Immer nur zwei?“ „Ja. Ich habe meine festen Leute. Sie kennen die Arbeit und die Kunden.“ „Kriegst du leicht die Genehmigung, sie zu beschäftigen?“ „Im Staat Israel ist nichts einfach, wie du weißt, erklärt er von Israeli zu Israeli. Wenn es um das Beschweren über Bürokratie geht, gibt es eine Grundsolidarität unter Israelis, auch zwischen Juden und Arabern. „Ich kann dir versichern, dass es im Ausland nicht einfacher ist.“ Bevor ich meine Aussage erklären muss, kommen seine beiden Arbeiter, Anfang 20, in Jeans und T-Shirt. Beide waren kürzlich beim Friseur. Die Haarmode der palästinensischen jungen Männer ist im internationalen Trend: Die Seiten kurz, oben lang, der Pony noch länger und diagonal mit Hilfe von Haarspray stehend. Beide haben einen nicht zu langen Hipsterbart. In einem anderen Kontext hätte ich sie nie für Hilfsarbeiter gehalten. Ihr Arbeitgeber fragt sie, ob es heute am Grenzübergang schneller war. Sie sind wohl etwas früher als sonst. „Wann müsst ihr aufstehen, um um 07:00 Uhr hier zu sein?“ frage ich die beiden. „So kurz vor 06:00.“ „Ah, nicht arg so früh,“ bewerte ich. „Nein, es geht. Wir wohnen nicht weit.“ Beide kommen aus einem Dorf weiter südlich, nicht weit von Tulkarm. Ihre Einladung ist aber nur für diesen Grenzübergang gültig, weil ihr Arbeitgeber hier ist. „Sind die Soldaten hier ok zu euch?“ „Ja, sie sind schon ok. Sie machen ihre Arbeit und schauen sich die Dokumente von jedem an.“ „Ist die Warteschlange lang?“ „Geh doch hin, schau sie dir an,“ empfehlen sie mir und steigen in den Pickup ein.

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Sogar über das Problem uneinig

In den Kreisen, in denen ich großgeworden bin, sprach man über die Besatzung von 67, die Problematik der Siedlungen, die Unterdrückung der Palästinenser, die Notwendigkeit der Teilung Jerusalems und die Grüne Linie als die wahre Definition von Israel und Palästina. Wir lebten im Gedanken, dass das Ende der Besatzung und die Landesteilung die Probleme lösen und den ersehnten Frieden bringen würde. Wir haben die Schuld in uns gesucht und im Sechstagekrieg gefunden. Ehud Barak wuchs im Nachbarkibbuz meiner Kibbuzschule auf. Sein Slogan „Wir hier sie dort“ war der Slogan von uns allen.
Erst im vierten Jahrzehnt meines Lebens habe ich allmählich verstanden: wir lebten in einer Illusion.

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Oft brüsten wir uns Juden mit der früheren Bereitschaft, das Land zu teilen und erklären die Araber wegen ihrer Ablehnung für schuldig. Dabei übersehen wir die Veränderung im Machtverhältnis. Als Juden eine kleine Minderheit im Land waren, war ihre Teilungsbereitschaft nicht verwunderlich. Fast jedes Stückchen Land für einen eigenen Staat in der historischen Heimat wäre die Erfüllung ihres nationalen Traums. Sie mussten sich zwischen dem ganzen Land und einem Staat entscheiden. Die Judenverfolgung in Europa hat für Dringlichkeit gesorgt. Ihr Pragmatismus war der Schlüssel für ihren politischen Erfolg. Heute ist die jüdische Bereitschaft, das Land zu teilen, als Siegerseite inzwischen nicht mehr im Konsens.

Ganz ehrlich: wieso sollten die Araber einem Teilungsvorschlag zustimmen, solange sie eine große Mehrheit waren? Wer hätte gedacht, dass die Juden so stark werden würden?
Als ich meinen Freund Atrash fragte, warum die Araber alle Teilungsvorschläge total ablehnten, schaute er mich überrascht an und fragte: „Wenn sich jemand ein Zimmer bei dir gemietet hätte, sich aber in deinem Wohnzimmer auf dem Sofa eingenistet, und dann mit dem Vorschlag käme, ‘Lass uns das Haus teilen’, hättest du es angenommen?“ Für uns sind wir im Land zu Hause. Für sie sind wir erst seit vorgestern da.

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